Das Adjektiv

Ein Adjektiv bezeichnet im Lateinischen und im Deutschen gewöhnlich eine Eigenschaft. Es erläutert meistens ausschließlich sein formales Bezugsnomen (discipuli novi, Attribut), kann aber auch zusätzlich das Prädikat erläutern (discipuli laeti eunt in ludum, bezogenes Adverbiale oder "Prädikativum"). Ein Adjektiv bildet aber auch oft zusammen mit esse das Prädikat (discipuli seduli sunt, Sinnträger). Außerdem kann ein Adjektiv wie im Deutschen substantiviert gebraucht werden und dann alle syntaktischen Funktionen eines Substantivs ausüben. Allerdings ist ein substantiviertes Adjektiv im Lateinischen schwerer zu erkennen als im Deutschen, da man es nicht groß schreibt und da es keine Artikel im Lateinischen gibt.

Viele Adjektive können gesteigert werden. Ob dies möglich ist, hängt  – wie im Deutschen –  ausschließlich von der Bedeutung des Adjektivs ab.

Adjektiv
Positiv altus, alta, altum hoch
Komparativ altior, altius höher
Superlativ altissimus, altissima, altissimum am höchsten

Komparativ

Der Komparativ bezeichnet eine Über- oder Unterlegenheit, wenn eine Vergleichsgröße genannt ist. Wo kein expliziter Bezug steht, ist er entweder aus dem Kontext leicht zu ergänzen (wörtliche Übersetzung des Komparativs möglich) oder besteht im gewöhnlichen Maß (Übersetzung des Komparativs in diesem Fall mit ziemlich oder zu).

Locutus est Diviciacus: Peius victoribus Sequanis quam Haeduis victis accidisse, propterea quod Ariovistus, rex Germanorum, in eorum finibus consedisse.
[Gall.1,31,10]
Es sprach Diviciacus: Schlimmeres sei den siegreichen Sequanern als den besiegten Häduern zugestoßen, weil Ariovist, der König der Germanen, sich in ihrem Gebiet niedergelassen habe.
Locutus est Diviciacus: Caesarem deterrere posse, ne maior multitudo Germanorum Rhenum traducatur.
[Gall.1,31,16]
Es sprach Diviciacus: Caesar könne verhindern, dass eine noch größere Menge an Germanen über den Rhein geführt werde.
Senectus est natura loquacior.
[Cato 55]
Im Alter ist man von Natur aus ziemlich geschwätzig.

Superlativ

Der Superlativ bezeichnet bei explizitem oder implizitem Vergleich eine Höchststufe (eigentlicher Superlativ). Ohne Vergleichsgedanke nennt er eine Eigenschaft, die besonders stark ausgeprägt ist („Elativ“; Übersetzung mit sehr oder bildhaftem Ausdruck).

Apud Helvetios longe nobilissimus fuit et ditissimus Orgetorix.
[Gall.1,2,1]
Bei den Helvetiern war Orgetorix bei weitem der vornehmste und reichste.
Saepibus densissimis interiectis prospectus impeditus est.
[Gall.2,22,1]
Da sehr dichter Bewuchs dazwischen lag, wurde die Sicht behindert.

Attribut

Ein Adjektiv, das in KNG-Kongruenz zu einem Substantiv steht und inhaltlich ausschließlich eine Eigenschaft dieses Substantivs nennt, verwirklicht ein Attribut. Außerdem kann ein substantiviertes Adjektiv im Genitiv als Attribut zu einem anderen Substantiv stehen.

Adjektiv in KNG-Kongruenz
A te aquila illa argentea praemissa est.
Von dir wurde der berühmte silberne Adler vorausgeschickt.
[Cat.1,24]
 
substantiviertes Adjektiv im Genitiv
Nihil novi vobis adferam.
Nichts Neues werde ich euch vortragen
[rep.1,21]

Sinnträger

Ein Adjektiv, das zusammen mit der Kopula esse oder einem kopulativen Verb ein Prädikat bildet, verwirklicht einen Sinnträger ("Prädikatsnomen").

Apud Helvetios longe nobilissimus fuit Orgetorix.
Bei den Helvetiern war Orgetorix der bei weitem tapferste.
[Gall.1,2,1]
 
Adjektiv als Gleichsetzungsnominativ und -akkusativ

Wenn ein kopulatives Verb sowohl durch ein Adjektiv als Sinnträger ergänzt wird als auch das so gebildete Prädikat durch einen Nominativ oder Akkusativ, nennt man den Sinnträger Gleichsetzungsnominativ bzw. -akkusativ. S. dazu das Substantiv im Nominativ bzw. das Substantiv im Akkusativ.

Graeciae sicut apud nos delubra magnifica humanis consecrata sunt simulacris, quae Persae nefaria putaverunt.
[rep.3,14]
Großartige Tempel Griechenlands wurden wie bei uns Götterbildern mit menschlichem Aussehen geweiht, was die Perser für gottlos hielten.

Ergänzung

Substantiviert wird ein Adjektiv besonders häufig im Neutrum Plural verwendet. Es kann dann mit Dinge oder Singular übersetzt werden. Substantiviert kann ein Adjektiv die gleichen syntaktischen Funktionen wie ein Substantiv ausüben.

Subst. Adjektiv z.B. als Objekt
Ariovistus ad postulata Caesaris pauca respondit.
Ariovist sagte zu den Forderungen Caesars nur wenig.
[Gall.1,44,1]

 

Adjektiv ohne Bezugswort

Ein Adjektiv kann aus zwei Gründen ohne Bezugswort stehen: Entweder ist es substantiviert gebraucht oder es bezieht sich – als Sinnträger oder als attributives Adverbiale – auf das inhaltliche Subjekt des Satzes, das lediglich durch die Endung des Prädikats angedeutet ist:

substantiviertes Adjektiv:
Ille Tarquinius, quem maiores nostri non tulerunt, non crudelis, non impius, sed superbus est habitus et dictus.
[Phil.3,9]
Jener Tarquinius, den unsere Vorfahren nicht ertrugen, wurde nicht für grausam und gottlos, sondern für hochmütig gehalten und als solcher bezeichnet.
Bezug auf das Subjekt, das lediglich durch die Endung des Prädikats angedeutet ist:
Si tibi non graves sumus, refer ad illa te, quae ad ipsius orationis laudem splendoremque pertinent.
[de orat.3,145]
Wenn wir dir nicht lästig sind, wende dich jenen Fragen zu, die Ruhm und Glanz der Rede selbst betreffen.
Ego, quod invitus ac necessario facio, neque diu neque diligenter facere possum.
[S.Rosc.123]
Ich kann, was ich nur ungern und gezwungenermaßen tue, weder lange noch sorgfältig tun.

freie Angabe

Ein Adjektiv, das in KNG-Kongruenz zu einem Substantiv steht und inhaltlich sowohl dieses Substantiv als auch das Prädikat erläutert, verwirklicht ein bezogenes Adverbiale („Prädikativum“). Ein substantiviertes Adjektiv kann außerdem die syntaktische Funktion eines unbezogenen Adverbiales übernehmen.

Adjektiv in KNG-Kongruenz als bezogenes Adverbiale
Galli laeti ad castra pergunt.
Die Gallier zogen freudig zum Lager.
[Gall.3,18,8]
 
Subst. Adjektiv als unbezogenes Adverbiale
Recta perge in exilium!
Gehe geradewegs in die Verbannung!
[Cat.1,23]

Ein bezogenes Adverbiale wird im Deutschen meistens mit Adverb oder Präpositionalgefüge wiedergegeben. Prosaschriftsteller verwenden besonders Adjektive des körperlichen und geistigen Zustands sowie des Ortes, der Zeit und der Zahl in dieser Weise, Dichter auch andere Adjektive:

Adjektiv des körperlichen und geistigen Zustands:
Est hoc Gallicae consuetudinis, uti et viatores etiam invitos consistere cogant et, quod quisque eorum de quaque re audierit aut cognoverit, quaerant.
[Gall.1,5,2]
Dies ist eine Eigentümlichkeit der gallischen Lebensweise, dass sie Reisende zwingen sogar gegen ihren Willen anzuhalten und sie fragen, was ein jeder von ihnen über jede Sache gehört oder in Erfahrung gebracht hat.
Adjektiv des Ortes:
Ipse in colle medio triplicem aciem instruxit; in summo iugo duas legiones et omnia auxilia conlocavit.
[Gall.1,24]
Er selbst richtete auf halber Höhe des Hügels eine dreifach gestaffelte Schlachtreihe ein. Ganz oben auf dem Bergrücken stellte er zwei Legionen und alle Hilfstruppen auf.
beliebiges Adjektiv (bei Dichtern):
Si quis artem amandi non novit, hoc legat et lecto carmine doctus amet.
[Ov.ars 1,1f]
Wenn jemand die Kunst des Liebens nicht kennt, soll er dies lesen und nach der Lektüre des Gedichts mit Verstand lieben.
Aufgabe: Adjektiv, Substantiv oder Adverb?
Bestimmen Sie die jeweils die Wortart von verum.
Habemus enim huiusce modi senatus consultum, verum inclusum in tabulis tamquam in vagina reconditum. [Cat.1,4]
Adverb
Facile est perspicuum, quantum inter hunc (praetorem) et illum Numidicum, verum ac germanum Metellum, intersit. [Cat.4,147]
Adjektiv
Verum quidem si audire volumus, multo magnus orator praestat minutis imperatoribus [Brut.256]
Substantiv

Das Adverb

Das Adverb erläutert gewöhnlich eine Prädikatshandlung hinsichtlich Raum, Zeit, Art und Weise oder Intensität. Seltener tritt ein Adverb als Sinnträger zu der Kopula esse oder einem kopulativen Verb und ganz selten steht ein Adverb als Attribut bei einem Sub­stantiv.

Zu den semantischen Funktionen des Komparativs und Superlativs s. "Das Adjektiv".

Freie Angabe

Pythagoras cum Leonte docte et copiose disseruit quaedam.
Pythagoras erörterte mit Leon gebildet und wortreich manche Probleme.
[Tusc.5,8]

Sinnträger

Bei esse und kopulativen Verben stehen besonders ita, sic, bene, male, praesto, tuto usw. als Sinnträger.

Ubi terrarum sumus?
Wo in aller Welt sind wir?
[Rab.Post.37]
 

Attribut

Adverbien können in der Regel nur dann als Attribut zu einem Substantiv treten, wenn sie lediglich eine Eigenschaft des Substantivs steigern oder abschwächen. Solche Adverbien sind admodum, paene, plane und vere.

Karthaginem nunc venis paene miles.
Nach Karthago kommst du nun als fast noch einfacher Soldat.
[rep.6,11]

 

Aufgabe: Adverbien erkennen
Handelt es sich bei dem hervorgehobenen Wort um ein Adverb?
Quid est, quod casu fieri aut forte fortuna putemus?
[div.2,18]
(!nein)(ja)
Naturam si sequemur ducem, sequemur et id, quod vehemens atque forte est.
[off.1,100]
(nein)(!ja)
Cogitatio in vero exquirendo maxime versatur, appetitus impellit ad agendum.
[off.1,132]
(nein)(!ja)
Sale vero et facetiis Caesar, Catuli patris frater, vicit omnes, ut contentiones aliorum sermone vinceret.
[off.1,133]
(!nein)(ja)

 

Das Partizip

Ein lateinisches Partizip wird häufig wie ein deutsches Partizip zur Bildung einer Vergangenheitsform verwendet. Während im Deutschen jedoch sowohl aktive als auch passive Formen des Perfektsystems mit Partizipien gebildet werden (sie hat gesehen, sie ist gesehen worden), gebraucht man im Lateinischen die Partizipien gewöhnlich nur beim Passiv (visa est) und lediglich im Ausnahmefall beim Aktiv (aliquid exploratum habere statt aliquid exploravisse).

Wie im Deutschen treten auch im Lateinischen Partizipien häufig als Teil einer Partizipialkonstruktion oder substantiviert auf.

Typisch Lateinisch ist die Konstruktionen des AcP.

Der folgende - von unten nach oben zu lesende - römische Schlüssel soll beim Übersetzen helfen, den Typ des Partizips zu ermitteln.

z.B. ist ... worden.  
Beiordnung
Unterordnung
Substantiv mit Präp.
Partizip
Relativsatz
  wie ...   Verbal-substantiv
    Part.coni.           Abl.abs        
Partizip als Teil einer analytischen Verbform   Partizip als Teil einer Partizipialkonstruktion   AcP   substantivier-
tes Partizip
ja   ja   ja    
1. Form von
esse dabei?
nein
2. Bezugswort in KNG-
Kongruenz dabei?
nein  

Tempora der Partizipien zur Bezeichnung relativer Zeiten

Wenn ein Partizip nicht als Prädikatsteil verwendet ist, bezeichnet es wie der Infinitiv nur das Zeitverhältnis zum übergeordneten Verb und keine absolute Zeit:

Partizip Präsens als Partizip der Gleichzeitigkeit („Partizip I“ in der deutschen Grammatik)
Cives facile adducam, ut te haec, quae vastare iam pridem studes, relinquentem usque ad portas prosequantur.
[Cat.1,21]
Ich werde unsere Mitbürger mühelos dazu bringen, dass sie dich, wenn du das verlässt, was du schon lange verwüsten willst, bis zu den Stadttoren geleiten.
Partizip Perfekt als Partizip der Vorzeitigkeit („Partizip II“ in der deutschen Grammatik)
Num infitiari potes te illo ipso die meis praesidiis, mea diligentia circumclusum commovere te contra rem publicam non potuisse?
[Cat.1,7]
Kannst du denn leugnen, dass du dich genau an jenem Tag nicht gegen den Staat rühren konntest, weil du von meinenWächtern und durch meine Umsicht eingeschlossen worden warst?
Das Partizip Perfekt von Deponentien kann jedoch auch Gleichzeitigkeit bezeichnen
Caesar arbitratus id bellum celeriter confici posse, ad Morinorum exercitum duxit.
[Gall.3,28,1]
Im Glauben, dass dieser Krieg schnell abge-schlossen werden könne, führte Caesar sein Heer in das Gebiet der Moriner.
Partizip Futur als Partizip der Nachzeitigkeit (sehr selten, s.u.)
P.Servilius adest de te sententiam laturus.
[Verr.2,1,56]
P.Servilius ist da, um sein Urteil über dich zu fällen.

Das Partizip Futur wird von Cicero und Caesar in Partizipialkonstruktionen nur sehr selten verwendet. Es bezeichnet dann eine Absicht.

Erweitertes Partizip

Das Partizip ist ein Verbalnomen, d.h. es kann wie ein Infinitiv oder Gerundium durch Objekte und Adverbien erläutert werden. In einer Partizipialkonstruktion bildet es mit seinem formalen Bezugswort eine satzwertige Konstruktion.

Dumnorix cupiditate regni adductus novis rebus studebat.
Dumnorix bemühte sich, verleitet von Begierde nach Königsmacht, um einen Umsturz.
[Gall.1,9,3]

Partizip bei esse als Teil einer analytischen Verbform

Wie im Deutschen werden auch im Lateinischen die Formen des passiven Perfektsystems mit dem Partizip II bzw. Partizip der Vorzeitigkeit und einer Form von esse gebildet (analytische Verbform). Während im Deutschen jedoch auch die aktiven Formen des Perfektsystems aus dem Partizip II und Formen von haben oder sein zusammengesetzt sind, wird das Perfekt im Lateinischen nur ausnahmsweise mit dem Partizip der Vorzeitigkeit und Formen von habere oder tenere umschrieben, nämlich dann, wenn der erreichte Zustand betont werden soll.

Interfectus est propter quasdam seditionum suspiciones C. Gracchus.
Getötet wurde wegen gewissen Verdächtigungen, dass Aufstände geplant seien, Gaius Gracchus.
[Cat.1,4]
Mit habere und tenere gebildete Formen des aktiven Perfektsystems

Wenn ein erreichter Zustand betont werden soll, steht manchmal statt der synthetischen Verbform eine mit habere odere tenere gebildete Verform (s. auch Hilfsverb esse).

Milonis vis omnis haec semper fuit, ne P. Clodius, cum in iudicium detrahi non posset, vi oppressam civitatem teneret.
[Mil.38]
Jede Gewaltanwendung Milos bestand immer nur darin, dass Publius Clodius, da er nicht vor Gericht gezogen werden konnte, den Staat nicht unter Druck hielt.
Partizip der Nach- und Gleichzeitigkeit als Teil einer analytischen Verbform

Im Lateinischen können auch das Partizip der Nachzeitigkeit und das Partizip der Gleichzeitigkeit Teil einer analytischen Verbform sein.

Partizip der Nachzeitigkeit + finite Form von esse:
Umschreibung einer unmittelbar bevorstehende Handlung („Umschreibendes Futur“)
Meministine me ante diem XII Kalendas Novembris dicere in senatu fore in armis certo die, qui dies futurus esset ante diem VI Kal. Novembris, C. Manlium?
[Cat.1,7]
Erinnerst du dich, dass ich am 21. Oktober im Senat sagte, Gaius Manlius werde an einem bestimmten Tag, welcher der 27. Oktober sein werde, die Waffen erheben?
Partizip der Gleichzeitigkeit + finite Form von esse:
Betonung der Dauerhaftigkeit eines Zustands im Vergleich zur einfachen Verbalform.
Mundi partes sentientes sunt.
nat.deor.2,22]
Die Teile der Welt sind wahrnehmungsfähig.

Partizip als Teil einer Partizipialkonstruktion

Wenn ein Partizip nicht Teil einer analytischen Verbform ist und sich auf ein Substantiv bezieht, ist es Teil einer Partizipialkonstruktion. Dabei gibt es drei Möglichkeiten:

attributives Partizip
Das Partizip erläutert ausschließlich ein Substantiv, das in den Satz eingebettet ist:
Lachende Kinder erfreuen uns.
prädikatives Partizip:
Das Partizip erläutert ein eingebettetes Substantiv und das Prädikat:
Lachend verließen die Kinder die Schule.
Partizip als Teil einer absoluten Partizipialkonstruktion
Das Partizip und ein absolut stehendes Substantiv erläutern das Prädikat:
Sehenden Auges lief er in sein Unglück.

Im Lateinischen nennt man ein attributives oder prädikatives Partizip, das sich auf ein eingebundenes Substantiv bezieht, "Participium coniunctum". Die Kombination eines Partizips mit einem unverbundenen Substantiv steht im Lateinischen nicht im Genitiv ("sehenden Auges"), sondern im Ablativ und heißt "Ablativus absolutus".

Attribut

Ein Partizip, das ausschließlich ein Substantiv (und nicht zugleich das Prädikat) erläutert, das als Satzglied in den Satz eingebunden ist, heißt "attributives Participium coniunctum".

Laelius insulam obiectam portui Brundisino tenuit.
Laelius hielt die vor dem Hafen von Brindisi liegende Insel besetzt.
[civ.3,100,1]
Attributives Partizip (nur Part.coni.) im Kontrast
Laelius insulam obiectam portui Brundisino tenuit. Partizip
Laelius hielt die dem Hafen von Brindisi gegenüberliegen- de Insel besetzt.
Prädikat eines Relativsatzes
Laelius hielt die Insel, die dem Hafen von Brindisi gegenüberliegt, besetzt.

Freie Angabe

Ein Partizip, das ein in den Satz eingebundenes Substantiv und das Prädikat erläutert, heißt "prädikatives Participium coniunctum". Während man im Deutschen an der Wortstellung  ein prädikatives Partizip erkennen kann (Lachend verließen die Kinder die Schule), kann man bei einem lateinischen Participium coniunctum nur aufgrund des Kontextes entscheiden, ob es attributiv oder prädikativ gebraucht ist.

His rebus adductus Caesar non exspectavit.
Durch diese Umstände veranlasst wartete Caesar nicht.
[Gall.1,11,6]
 

Ein Partizip, das bei einem nicht in den Satz eingebundenen Substantiv im Ablativ steht, ist Teil eines "Ablativus absolutus".

His rebus confectis Caesar se recepit.
Nachdem diese Angelegenheiten erledigt waren, zog sich Caesar zurück.
[Gall.4,19,4]
Adverbiales Partizip (Part.coni. und Abl.abs.) im Kontrast

His rebus adductus Caesar non exspectavit.
prädikativ verwendetes Partizip (nur bei Part.coni. mögl.)
Durch diese Umstände veranlasst wartete Caesar nicht.


His rebus gestis naves solvit.
Prädikat eines adverbialen Nebensatzes
z.B. mit temporalem Sinn:
Nachdem diese Aktionen durchgeführt worden waren, fuhr er aufs Meer.


Hac oratione adducti inter se ius iurandum dant.
Prädikat eines mittels und beigeordneten Satzes
z.B. mit kausalem Sinn:
Durch diese Rede wurden sie geleitet und schworen deshalb untereinander einen Eid.


Oppidum paucis defendentibus expugnare non potuit.
Präposition mit Verbalsubstantiv
z.B. mit konzessivem Sinn:
Er konnte die Stadt trotz der geringen Zahl an Verteidigern nicht erobern.
 
Übersicht über die Übersetzungsmöglichkeiten eines adverbialen Partizips
(prädikatives Participium coniunctum und Partizip als Teil eines Ablativus absolutus)
  temporal kausal konzessiv konditional modal
  gleichz. vorz.        
–  prädikativ gestelltes Partizip (nur bei Part.coni. möglich)
–  Prädikat eines adv. Nebensatzes während, wenn, als nachdem, als da, weil obwohl, obgleich wenn, falls indem, ohne dass
–  Prädikat eines beigeordneten Satzes und (dabei) und (dann) und (deshalb) und (trotzdem) und (in dem Fall) und (so)
–  Präposition mit Verbalsubstantiv bei, während nach wegen, in­folge, aus trotz unter der Voraussetzung mit, bei, unter

Bei adverbialem Partizip kann die semantische Funktion des Partizips (temporal, kausal, konzessiv, konditional oder modal) nur aus dem Kontext erschlossen werden. Der Übersetzungstyp (deutsches Partizip, Beiordnung, Unterordnung oder Substantiv mit Nomen) ist eine Frage des deutschen Stils.

Dominantes prädikatives Partizip

Manchmal beherrscht ein prädikatives Participium coniunctum sein formales Bezugswort inhaltlich so sehr, dass man von einem dominanten Partizip sprechen kann. Am besten gibt man es wie das Gerundivum der dominanten Handlung mit einem Verbalsubstantiv auf -ung wieder.

Unus M. Antonius in hac urbe post conditam urbem palam secum habuit armatos.
[Phil.5,17]
 
Seit der Gründung Roms hatte einzig Markus Antonius in dieser Stadt offen bewaffnete Leute bei sich.
Nominaler Ablativus absolutus

In der Konstruktion des Ablativus absolutus kann anstelle eines Partizips auch ein Adjektiv, Gerundivum oder Substantiv stehen. Meistens wird es durch Präposition mit Nomen übersetzt.

Ablativus absolutus mit Adjektiv:
Exigua parte aestatis reliqua Caesar in Britanniam proficisci contendit.
[Gall.4,20,1]
Obwohl nur noch ein kleiner Teil des Sommers verblieb, beeilte sich Caesar dennoch nach Britannien aufzubrechen.
Ablativus absolutus mit Gerundivum:
Nemo audet nullis officii praeceptis tradendis philosophum se dicere.
[off.1,5]
Niemand wagt, wenn er keine Vorschriften für pflichtgemäßes Handeln weiter gibt, sich Philosoph zu nennen.
Ablativus absolutus mit Substantiv:
Orgetorix M. Messala M. Pisone consulibus coniurationem nobilitatis fecit.
[Gall.1,2,1]
Orgetorix machte unter den Konsuln Markus Messala und Markus Piso eine Adelsverschwörung.
Übersetzung des Partizip Perfekt Passiv mit aktivem Prädikat

Das Partizip Perfekt Passiv in einem Ablativus absolutus (seltener in der Konstruktion des Participum coniunctum) kann bei der Übersetzung mittels Beiordnung oder Unterordnung dann durch ein aktives Prädikat wiedergegeben werden, wenn die Partizipialhandlung offensichtlich vom Subjekt des Gesamtsatzes ausgeführt wird.

Ceutrones locis superioribus occupatis exercitum itinere prohibere conati sunt.
[Gall.1,10,4]
Die Ceutronen besetzten höher gelegene Orte und versuchten dann unser Heer vom Durchmarschieren abzuhalten.
Präparatives Pronomen

Manchmal weist ein vorbereitendes Pronomen im Ablativ Singular Neutrum (z.B. hoc) auf einen Ablativus absolutus hin.

Germani arbitrantur hoc se fore tutiores repentinae incursionis timore sublato.
[Gall.6,23,3]
Die Germanen glauben, dass sie dadurch sicherer sein würden, wenn die Furcht vor einem plötzlichen Einfall beseitigt wäre.

Accusativus cum Participio (AcP)

Im Deutschen können Verben des Veranlassens und der Wahrnehmung einen Akkusativ mit einem zusätzlichen Infinitiv von sich abhängig machen (Ich höre dich lachen). Dies ist auch im Lateinischen möglich (s. AcI), aber außerdem lassen sich solche Verben durch einen Akkusativ mit Partizip (AcP) ergänzen. Der semantische Unterschied zwischen AcP und AcI besteht darin, dass der AcP eher die Wahrnehmung und den Zustand des Wahrgenommenen hervorhebt (wie), dagegen der AcI die Tatsache des Wahrgenommenen (dass). Syntaktisch stellt ein AcP ebenso eine Einheit dar wie ein AcI oder ein AcNd. Und ebenso wie der Infinitiv im AcI und die nd-Form im AcNd kann auch das Patizip im AcP seinerseits erläutert werden.

Non miserum redeuntem a cena videtis?
Seht ihr nicht, wie der arme Kerl von der Einladung zurückkommt?
[S.Rosc.98]
Partizip als Teil eines AcP im Kontrast

Videmus te flentem.
prädikativ verwendetes Partizip
Wir sehen dich weinend.

Audio te ridentem.
Akkusativ mit Infinitiv
Ich höre dich lachen.

Hostes nos e navi egredientes con- spexerunt.
wie-Satz (besonders bei erweitertem Partizip)
Die Feinde sahen, wie wir aus dem Schiff ausstiegen.
Verbgruppen mit AcP-Ergänzung
Verben der Wahrnehmung wie:
videre sehen  
cernere sehen  
audire hören  
animadvertere wahrnehmen  
Ducem hostium intra moenia atque adeo in senatu videmus intestinam aliquam cotidie perniciem rei publicae molientem.
[Cat.1,5]
Wir sehen, wie der Anführer der Staatsfeinde innerhalb der Stadtmauern und sogar innerhalb des Senats jeden Tag irgendein inneres Übel gegen den Staat in Gang bringt.
Verben des literarischen Inszenierens:
facere, inducere (auftreten) lassen, in einem Werk darstellen  
Xenophon facit in his, quae a Socrate dicta rettulit, Socratem disputantem formam dei quaeri non oportere.
[nat.deor.1,31]
Xenophon lässt unter den Worten, die er als Sokratesworte überliefert hat, Sokrates in einem Gespräch sagen, dass man nicht nach der Gestalt Gottes fragen dürfe.

Substantiviertes Partizip

Als substantiviertes Partizip bezeichnet man ein Partizip, das ohne formales Bezugswort steht. Es kann alle syntaktischen Funktionen eines Substantivs verwirklichen, wird aber wie ein Verb (durch Objekt und Adverbiale) erläutert.

Medici leviter aegrotantes leniter curant.
Ärzte behandeln leicht Erkrankte nur schonend.
[off.1,83]
Partizip ohne Bezugswort

Ein Partizip kann aus zwei Gründen ohne Bezugswort stehen: Entweder ist es substantiviert gebraucht oder es bezieht sich - als attributives Adverbiale oder Prädikatsnomen - auf das inhaltliche Subjekt des Satzes, das lediglich an der Endung des Prädikats ungefähr erkennbar ist:

Substantiviertes Partizip
Romani conversa signa bipertito intulerunt: prima et secunda acies, ut victis ac submotis resisteret, tertia, ut venientes sustineret.
[Gall.1,25,7]
Die Römer kämpften nach zwei Seiten: die erste und zweite Kampflinie, um den (bereits) Besiegten und Zurückgedrängten (weiterhin) Widerstand zu leisten, die dritte, um die Anstürmenden aufzuhalten.
Bezug auf das inhaltliche Subjekt des Satzes
Hac oratione adducti inter se fidem et ius iurandum dant.
[Gall.1,3,8]
Durch diese Rede veranlasst schworen sie untereinander unverbrüchliche Treue.

 

Aufgabe: Rollen des Partizips
Klicken Sie die richtige Rolle des Partizips an.
Ancipiti proelio diu atque acriter pugnatum est. [Verr.2,1,52]
(!Teil e. AcP)(!Teil e. Part.coni.)(!subst. Part.)(!Teil e. Abl.abs.)(Teil e. Verbalform)
Catilinam intra moenia atque adeo in senatu videmus intestinam aliquam cotidie perniciem rei publicae molientem. [Cat.1,5]
(Teil e. AcP)(!Teil e. Part.coni.)(!subst. Part.)(!Teil e. Abl.abs.)(!Teil e. Verbalform)
Obsessis omnibus viis missi intercipiuntur. [Gall.5,40,1]
(!Teil e. AcP)(!Teil e. Part.coni.)(subst. Part.)(!Teil e. Abl.abs.)(!Teil e. Verbalform)
Nostri triduum morati eos sequi non potuerunt. [Gall.1,26,5]
(!Teil e. AcP)(Teil e. Part.coni.)(!subst. Part.)(!Teil e. Abl.abs.)(!Teil e. Verbalform)

Das finite Verb

Ein finites Verb ist ein durch Person, Numerus, Modus, Tempus und Genus verbi (Aktiv und Passiv) bestimmtes Wort, welches allein oder mit anderen Wörtern das Prädikat des Satzes bildet. Vor allem esse in der inhaltsschwachen Bedeutung sein braucht ein sinntragendes Wort, um ein Prädikat bilden zu können (z.B. sapiens est / ist weise). Andere Verben nehmen mit einem Sinnträger eine neue, häufig übertragene Bedeutung an. Beispiele:

Rollen eines Verbs
  "Vollverb" "Kopula" mit Sinnträger
esse geben, existieren mit Prädikatsnomen: sein
videri gesehen werden mit Gleichsetzungsnominativ: erscheinen
putare glauben mit Gleichsetzungsakkusativ: halten für
debere schulden mit Infinitiv: müssen
habere haben mit "in numero": zählen zu
agere treiben mit "gratias": Dank sagen
ferre tragen mit "moleste": ungehalten sein

Viele Verben können also nicht nur eine Rolle spielen, sondern in verschiedenen Sätzen die Rolle eines Vollverbs oder einer Kopula. Bei esse gibt es noch eine dritte Möglichkeit: Im passiven Perfektsystem und in der Coniugatio periphrastica ist es nur Teil einer analytischen (geteilten) Verbform.

esse als Vollverb
Erant omnino itinera duo, quibus domo exire possent.
Es gab im ganzen zwei Wege, auf welchen sie (die Helvetier) auswandern konnten.
[Gall.1,6,1]
 
esse als Kopula
Propter frigora frumenta in agris matura non erant.
Wegen der Kälte war das Getreide auf den Feldern nicht reif.
[Gall.1,16,2]
 
esse als Teil einer analytischen Verbform
Allobroges nuper pacati erant.
Die Allobroger waren unlängst befriedet worden.
[vgl. Gall.1,6,2]

Wie im Deutschen treten auch im Lateinischen alle Verben bei indirekter Rede in andere Formen, wobei sich jedoch die Umwandlungsregeln in beiden Sprachen deutlich unterscheiden.

Personen

Anders als in den modernen Fremdsprachen wird im Lateinischen gewöhnlich die handelnde Person nicht durch ein Personalpronomen im Nominativ genannt, sondern durch eine besondere Endung des Verbs verdeutlicht.

Personen eines Verbs (Beispiel: amare im Indikativ Präsens Aktiv)
  Singular Plural
1. Person: am-oich liebe ama-muswir lieben
2. Person: ama-sdu liebst ama-tisihr liebt
3. Person: ama-ter/sie/es liebt ama-ntsie lieben

Nur wenn die handelnde Person betont werden soll, steht im Lateinischen zusätzlich das Personalpronomen im Nominativ.

Quod ego fui ad Trasumennum, ad Cannas, id tu hodie es.
[Liv.30,30,12]
Was ich beim Trasimenischen See war und bei Cannä, das bist du heute. (Hannibal gegenüber Scipio vor der Schlacht von Zama).

Wenn umgekehrt die handelnde Person unwichtig ist, kann ein Indefinitpronomen, Passiv oder die 3. Person Plural im Sinn von "man" verwendet werden.

Ditem patrem ferunt repente cum curru exstitisse abreptamque ex eo loco virginem secum asportasse et subito non longe a Syracusis penetrasse sub terras.
[Verr.2,4,107]
Man sagt, dass Pluto plötzlich mit seinem Wagen erschienen sei, die von dieser Stelle entführte Jungfrau mit sich genommen habe und plötzlich unweit von Syrakus in die Erde eingedrungen sei.

Modi und Tempora

Wie im Deutschen gibt es auch im Lateinischen die drei Modi des Indikativs, Konjunktivs und Imperativs.

Modi eines Verbs (Beispiel: amare in der 2. Person Singular)
Indikativ amas du liebst
Konjunktiv ames! du sollst lieben!
Imperativ ama! liebe! 

Da das formale Tempus eines Konjunktivs (Präsens, Präteritum usw.) im Deutschen und Lateinischen nur wenig über die absolute Zeit (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft) aussagt, teilt man die Konjunktivformen im Deutschen in die Systeme "Konjunktiv I" und "Konjunktiv II" ein, wobei es Konjunktive der Nachzeitigkeit nur im Deutschen gibt:

  Präsens Präeritum /
Imperfekt
Perfekt Plusqu. Futur I /
-urus sim
Futur II /
-urus essem
Konjunktiv I der Gleichzeitigkeit x          
der Vorzeitigkeit     x      
der Nachzeitigkeit         x  
Konjunktiv II der Gleichzeitigkeit   x        
der Vorzeitigkeit       x    
der Nachzeitigkeit           x

Der Gebrauch der Modi, besonders des Konjunktivs, ist allerdings sehr verschieden. Während er im Deutschen immer weniger verwendet wird, hat er im Lateinischen sowohl im Haupt- als auch im Nebensatz vielfältige Funktionen. Konjunktive im Hauptsatz werden häufig durch Modalverben übersetzt (mögen, wollen, sollen), Konjunktive im Nebensatz mit Indikativ.

Audiatur et altera pars!. Auch die andere Seite soll gehört werden!
Do, ut des. Ich gebe, damit du gibst.

 

Wie die Modi stimmen auch die sechs Tempora nur hinsichtlich ihrer Anzahl im Deutschen und Lateinischen überein.

Tempora eines Verbs (Beispiel: amare in der 3. Person Plural)
Präsens amant sie lieben
Imperfekt ama-ba-nt sie liebten
Futur I ama-bu-nt sie werden lieben
Perfekt ama-v-erunt sie haben geliebt
Plusquamperfekt ama-v-erant sie hatten geliebt
Futur II ama-v-erint sie werden geliebt haben

Grundsätzlich kann ein lateinisches Tempus dreierlei bezeichnen:

die absolute Zeit einer Handlung (Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft; nur bei Verben im Indikativ möglich)
das Zeitverhältnis einer Handlung zu einer anderen Handlung (Gleichzeitigkeit, Vorzeitigkeit oder Nachzeitigkeit)
den Aspekt einer Handlung (z. B. punktuelle oder durative Handlung)

Bei der Verwendung von Praeteritum / Imperfekt und Perfekt bestehen zwischen Deutschem und Lateinischem grundsätzliche Unterschiede:

  Deutsch Latein
Präteritum / Imperfekt überwiegend in Erzählungen Hintergrundhandlungen, die noch andauern (duratives Imperfekt), die sich oft wiederholten (iteratives Imperfekt) oder die nur versucht wurden (konatives Imperfekt)
Perfekt überwiegend in kommunikativen Texten (Gespräch, Rede, Brief) Vordergrundhandlungen. In Erzählungen nennt man diesen Gebrauch "historisches Perfekt", in kommunikativen Texten "konstatierendes Perfekt".

 

Modus, Tempus und Verbposition (Hauptsatz oder Nebensatz) sind im Lateinischen so eng miteinander verbunden, dass sie in den folgenden Tabellen jeweils zusammen dargestellt werden.

Indikativ Präsens

Hauptsatz Nebensatz
aktuelles Präsens:
Bezeichnung gegenwärtiger Ereignisse
Gleichzeitigkeit zu einem Präsens
resultatives Präsens:
Bezeichnung einer in der Vergangenheit begonnenen und noch andauernden Handlung
iteratives Präsens:
Bezeichnung einer wiederholten Handlung
gnomisches Präsens:
Bezeichnung einer allgemeingültigen Wahrheit
literatorisches Präsens:
Bezeichnung einer noch aktuellen Schrift
historisches Präsens:
Bezeichnung dramatischer Ereignisse in der Vergangenheit
Futur I
Hauptsatz Nebensatz
prospektives Futur:
Bezeichnung einer künftigen Handlung
Gleichzeitigkeit zu einem Futur I, Imperativ und Ausdrücken des Müssens, Könnens usw.
gnomisches Futur:
Bezeichnung einer allgemeingültigen Wahrheit
Bezeichnung eines Befehls (2. und 3. P.)
Futur II
Hauptsatz Nebensatz
  Vorzeitigkeit zu einem Futur I
Indikativ Imperfekt
Hauptsatz Nebensatz
deskriptives Imperfekt:
Bezeichnung der Hintergrundhandlung in erzählenden Texten
Gleichzeitigkeit zu einem Imperfekt
iteratives Imperfekt:
Bezeichnung wiederholter vergangener Handlungen
konatives Imperfekt:
Bezeichnung versuchter vergangener Handlungen
Indikativ Perfekt
Hauptsatz Nebensatz
narratives Perfekt:
Bezeichnung der Vordergrundhandlung in erzählenden Texten
Gleichzeitigkeit zu einem Perfekt oder Vorzeitigkeit zu einem Präsens
resultatives Perfekt:
Bezeichnung eines Zustands, der in der Vergangenheit begonnen hat und in der Gegenwart noch andauert.
konstatierendes Perfekt:
Bezeichnung einer Vergangenheit als Vergangen in einer Feststellung
gnomisches Perfekt:
Bezeichnung einer allgemeingültigen Wahrheit
Indikativ Plusquamperfekt
Hauptsatz Nebensatz
Bezeichnung einer in der Vergangenheit vollendeten Handlung Vorzeitigkeit zu einem Imperfekt oder Perfekt
Tempus-Unterschiede zwischen lateinischen und deutschen Verben im Indikativ

Der Tempusgebrauch lateinischer Verben im Indikativ weicht in folgenden Fällen erheblich vom Deutschen ab:

Indikativ Imperfekt und Perfekt im Deutschen und Lateinischen
Die Wahl des Vergangenheitstempus hängt in erzählenden lateinischen Texten davon ab, ob eine Hintergrundhandling (Imperfekt) oder Vordergrundhandlung (Perfekt) geschildert wird. Im Deutschen spielt dieser Aspekt keine Rolle, sondern die Textsorte bestimmt die Zeit: In erzählenden Texten steht Präteritum („Imperfekt“) und in kommunikativen Texten Perfekt.
Adhortatus ad laborem milites Alesiam circumvallare instituit. Ipsum erat oppidum Alesia in colle summo.
[Gall.7,68,3 – 69,1]
Nachdem er die Soldaten zur Arbeit ermahnt hatte, wies er sie an, Alesia ringsum mit Schanzen einzuschließen. Die Stadt Alesia selbst lag ganz oben auf dem Berg.
Futur I im Lateinischen und im Deutschen
In der Zukunft liegende Handlungen stehen im Lateinischen im Haupt- und Nebensatz im Futur. Im Deutschen kann dagegen auch bei zuküftigen Handlungen das Präsens verwendet werden, wenn der Zukunftsbezug deutlich durch den Kontext, z.B. durch ein Zeitadverb, gesichert ist. Da man eine Aneinenderreihung von Futurformen im Deutschen vermeidet, übersetzt man gewöhnlich das Futur lateinischer Nebensätze mit Präsens, wenn man bereits das Futur des Hauptsatzes mit Futur übersetzt hat.
Imprimis videndum erit ei, qui rem publicam administrabit, ut suum quisque teneat.
[off.2,73]
Besonders wird derjenige, der einen Staat verwaltet, darauf achten müssen, dass jeder sein Eigentum behält.
Futur I zur Bezeichnung eines Befehls
Valebis meaque negotia videbis!
[fam.7,20,2]
Lebe wohl und kümmere dich um meine Angelegenheiten!
Imperfekt im Lateinischen zur Bezeichnung einer versuchten vergangenen Handlung
Quid est Catilina? Num dubitas id me imperante facere, quod iam tua sponte faciebas?
[Cat.1,13]
Was ist, Catilina? Zögerst du etwa, dies auf meinen Befehl zu tun, was du schon aus eigenem Antieb tun wolltest?
Resultatives Perfekt im Lateinischen
Häufig ist nicht deutlich zu erkennen, ob mit einer Perfektform der Vorgang oder das Resultat der Verbhandlung hervorgehoben werden soll. Verba defectiva (meminisse, novisse, odisse) haben jedoch immer präsentische Bedeutung.
Etsi tu meam stultitiam consuesti ferre, eo tamen progrediar, ut stomachere.
[Att.12,37,2]
Auch wenn du dich daran gewöhnt hast, meine Dummheit zu ertragen, /
Auch wenn du meine Dummheit zu ertragen pflegst,
werde ich es dennoch so weit treiben, dass du Bauchweh bekommst.
Nunc te patria, quae communis est parens omnium nostrum, odit ac metuit et iam diu nihil te iudicat nisi de parricidio suo cogitare.
[Cat.1,17]
Nun aber hasst und fürchtet dich deine Vaterstadt, die der gemeinsame Vater von uns allen ist, und sie ist der Meinung, dass du schon lange an nichts anderes als ihre Vernichtung denkst.
Deutsches Präsens oder Perfekt für lateinisches Futur II
Si te interfici iussero, residebit in re publi­ca reliqua coniuratorum manus; sin tu exi­eris, exhaurietur ex urbe tuorum comitum magna et perniciosa sentina rei publicae.
[Cat.1,17]
Wenn ich befehle, dass du hingerichtet wirst, wird die übrige Schar der Verschworenen im Staat zurückbleiben; Wenn du aber Rom verlässt, wird aus der Stadt auch der große und für den Staat verderbliche Abschaum deiner Gefährten abgeschöpft.
Strenge Beachtung der Vorzeitigkeit nur in lateinischen Nebensätzen
Besonders bei einer wiederholten vorzeitigen Handlung (Antecedens iterativum) wird im Lateinischen die Vorzeitigkeit genau beachtet, im Deutschen dagegen nicht.
>Qui restituerunt, discedunt saepissime superiores.
[Tusc.2,54]
Wer Widerstand leistet, geht sehr oft als Sieger hervor.
Vom Indikativ abweichender deutscher Modus („Realis“)

Die Verwendung des Indikativs im Hauptsatz stimmt im Lateinischen und im Deutschen weitgehend überein. Abweichend vom Deutschen steht jedoch der Indikativ im Lateinischen häufig in folgenden Fällen:

bei Ausdrücken des Könnens, Sollens, Müssens und der Wertung wie:
oportet es würde sich gehören  
possum ich könnte  
debeo ich müsste  
decet es würde sich gehören  
meum est es wäre meine Aufgabe  
consulis erat es wäre Aufgabe des Konsuls gewesen  
longum est es würde zu weit führen  
aequum est es wäre gerecht  
non multum afuit, quin es hätte nicht viel gefehlt, und  
bei paene:
Brutum abiectum, quantum potui, excitavi, quem non minus amo quam tu – paene dixi, quam te.
[Att.5,20,6]
Den niedergeschlagenen Brutus habe ich, so gut ich konnte, aufgerüttelt. Ich schätze ihn nicht weniger als tu – beinahe hätte ich gesagt, als dich.
bei rhetorischen Fragen:
Nunc autem quis dubitat, quin Ser. Sulpicio vitam abstulerit ipsa legatio?
[Phil.9,5]
Wer zweifelte nun aber daran, dass genau die Gesandtschaftsreise der Grund für das Ableben des Servius Sulpicius war?

 

Konjunktiv Präsens

Hauptsatz Nebensatz
Coniunctivus obliquus
Kennzeichnung einer Handlung (im Nebensatz oder, in indirekter Rede, im Hauptsatz) als lediglich subjektive Äußerung des Subjekts des übergeordneten Satzes (innerlich abhängige Sätze); Präsens bezeichnet Gleichzeitigkeit zu einem Haupttempus
Coniunctivus potentialis der Gegenwart:
Bezeichnung einer vom Sprecher erfüllbar gedachten Möglichkeit der Gegenwart
Coniunctivus concessivus
Bezeichnung einer Einräumung
Bindemodus ohne semantische Funktion
Präsens bezeichnet dabei Gleichzeitigkeit zu einem Haupttempus
Bezeichnung des Nebensinns eines Relativsatzes
final / kausal / konzessiv / konsekutiv
Coniunctivus dubitativus
Bezeichnung eines ernst gemeinten Zweifels in einem Fragesatz (sollen).
Coniunctivus indignationis
Bezeichnung einer scheinbaren Zweifels in einer unwilligen oder verwunderten Frage (sollen).
Coniunctivus optativus
Bezeichnung eines erfüllbar gedachten Wunsches der Gegenwart
Coniunctivus hortativus, imperativus und iussivus
Bezeichnung einer Aufforderung an die 1., 2. und 3.Person

 

Konjunktiv Imperfekt

Hauptsatz Nebensatz
Coniunctivus obliquus
Coniunctivus irrealis der Gegenwart
Bez. einer vom Sprecher unerfüllbar gedachten Möglichkeit der Gegenwart
Coniunctivus potentialis der Vergangenheit
Bez. einer vom Sprecher erfüllbar gedachten Möglichkeit der Vergangenheit
Coniunctivus dubitativus
Bez. eines Zweifels bezüglich einer vergangenen Handlung
Bindemodus ohne semantische Funktion
Imperfekt bezeichnet dabei Gleichzeitigkeit zu einem Nebentempus
Bezeichnung des Nebensinns eines Relativsatzes
final / kausal / konzessiv / konsekutiv
Coniunctivus indignationis
Bezeichnung einer scheinbaren Zweifels in einer unwilligen oder verwunderten Frage (sollen).
Coniunctivus optativus
Bez. eines unerfüllbar gedachten Wunsches der Gegenwart
Coniunctivus imperativus der Vergangengenheit (selten)
Bez. einer nicht mehr erfüllbaren Aufforderung

 

Konjunktiv Perfekt

Hauptsatz Nebensatz
Coniunctivus obliquus
Coniunctivus potentialis der Gegenwart:
Bez. einer vom Sprecher erfüllbar gedachten Möglichkeit der Gegenwart
Coniunctivus concessivus der Vergangenheit
Bez. einer Einräumung der Vergangenheit
Bindemodus ohne semantische Funktion
Perfekt bezeichnet dabei Vorzeitigkeit zu einem Haupttempus
Bezeichnung des Nebensinns eines Relativsatzes
final / kausal / konzessiv / konsekutiv
Coniunctivus indignationis
Bezeichnung einer scheinbaren Zweifels in einer unwilligen oder verwunderten Frage (sollen).
Coniunctivus optativus
Bez. eines unerfüllbar gedachten Wunsches der Vergangenheit
Coniunctivus prohibitivus
Bezeichnung eines Verbots

 

Konjunktiv Plusquamperfekt

Hauptsatz Nebensatz
Coniunctivus obliquus
Coniunctivus irrealis der Vergangenheit:
Bez. einer vom Sprecher unerfüllbar gedachten Möglichkeit der Vergangenheit
Coniunctivus indignationis
Bezeichnung einer scheinbaren Zweifels in einer unwilligen oder verwunderten Frage (sollen).
Bindemodus ohne semantische Funktion
Plusquamperfekt bezeichnet dabei Vorzeitigkeit zu einem Nebentempus
Bezeichnung des Nebensinns eines Relativsatzes
final / kausal / konzessiv / konsekutiv
Coniunctivus optativus
Bez. eines unerfüllbar gedachten Wunsches der Vergangenheit
Übersetzung lateinischer Konjunktive

Lateinische Hauptsatz-Konjunktive übersetzt man meistens mit einem Modalverbkomplex, d.h. mit einem Modalverb (dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen) und einem Vollverb im Infinitiv.

Improborum civium augeas animos, bonorum spem virtutemque debilites, et te consularem aut senatorem, denique civem putes?
[Phil.7,5]
Angenommen, du stärkst schlechte Bürger, schwächst aber die Zuversicht und Stärke der guten - und du willst dich für einen ehemaligen Konsul oder Senator, ja überhaupt einen römischen Bürger halten?

Der Sinn eines Hauptsatz-Konjunktivs kann aber auch durch ein frei gewähltes sinnverdeutlichendes Wort und Indikativ wiedergegeben werden.

Improborum civium augeas animos, bonorum spem virtutemque debilites, et te consularem aut senatorem, denique civem putes?
[Phil.7,5]
Angenommen, du stärkst schlechte Bürger, schwächst aber die Zuversicht und Stärke der guten - und du willst dich für einen ehemaligen Konsul oder Senator, ja überhaupt einen römischen Bürger halten?

Nur in wenigen Fällen gibt der bloße deutsche Indikativ den Sinn eines lateinischen Hauptsatz-Konjunktivs am besten wieder (bes. beim Coni. indignationis)

Improborum civium augeas animos, bonorum spem virtutemque debilites, et te consularem aut senatorem, denique civem putes?
[Phil.7,5]
Angenommen, du stärkst schlechte Bürger, schwächst aber die Zuversicht und Stärke der guten - und du hältst dich für einen ehemaligen Konsul oder Senator, ja überhaupt einen römischen Bürger?

 

 

Anders verhält es sich mit einem lateinischen Nebensatz-Konjunktiv. Eine wichtige syntaktische Funktion, der er sogar seinen Namen verdankt (Kon-junktiv), besteht nämlich darin, lediglich den Zusammenhang zwischen dem Nebensatz und dem übergeordneten Satz deutlich zu machen (z.B. bei Verwendung der Subjunktion cum mit Konjunktiv). Deshalb kann man lateinische Nebensatz-Konjunktiv meistens mit bloßem Indikativ übersetzen.

Cum te Praeneste Kalendis ipsis Novembribus occupaturum nocturno impetu esse confideres, sensistine illam coloniam meo iussu meis praesidiis, custodiis, vigiliis esse munitam?
[Cat.1,8]
Als du darauf vertrautest, dass du Praeneste genau am 1. November durch einen nächtlichen Angriff einnehmen werdest, hast du da gemerkt, dass jene Kolonie auf meinen Befehl durch meine Schutztruppen, Wachen und Aufpasser geschützt wurde?

Außerdem kann ein Konjunktiv in einem Nebensatz auch ausschließlich deshalb stehen, weil dieser Nebensatz in einen übergeordnete Satz im Konjunktiv oder eine Infinitivkonstruktion eingebettet ist. Im Deutschen gibt es eine solche Modusangleichung (Attractio modi) nur sehr selten (z.B. Koste es, was es wolle.).

Accidit, ut nonnulli milites, qui lignationis munitionisque causa in silvas discessissent, repentino equitum adventu interciperentur.
[Gall.5,39,2]
Es geschah, dass einige Soldaten, die zum Holzfällen und Sichern in die Wäder weggegangen waren, durch die plötzliche Ankunft von Reitern abgefangen wurden.

Wenn das Prädikat des Nebensatzes jedoch aus semantisch bedeutungsvollem Grund im Konjunktiv steht (z.B. Bezeichnung einer erfüllbar oder unerfüllbar gedachten Möglichkeit, Bezeichnung eines finalen, kausalen oder konzessiven Nebensinns eines Relativsatzes), wird es entweder mit deutschem Konkunktiv oder einem frei gewählten sinnverdeutlichenden Wort und Indikativ wiedergegeben.

Homines sunt hac lege generati, qui tuerentur illum globum, quem in hoc templo medium vides.
[rep.6,15]
Die Menschen wurden unter dieser Bedingung geschaffen, dass sie jenen Globus schützen, den du mitten in diesem göttlichen Kosmos siehst.
Tempus-Unterschiede zwischen lateinischen und deutschen Verben im Konjunktiv

Im Konjunktiv weicht der Tempusgebrauch im Lateinischen und Deutschen stark von einander ab:

Coniunctivus obliquus
Ein Conjunktivus obliquus („Konjunktiv der fremden Meinung“) kennzeichnet eine Aussage als lediglich subjektive Aussage des Subjekts des übergeordneten Satzes oder des Subjekts des Prädikats, das eine indirekte Rede einleitet. Im Lateinischen folgt der Coniunctivus obliquus den Regeln der Consecutio temporum (s. unten S. 16), im Deutschen verwenden wir gewöhnlich den Konjunktiv I (s. unten).
Decima legio per tribunos militum Caesari gratias egit, quod de se optimum iudicium fecisset.
[Gall.1,41,2]
Die zehnte Legion stattete durch die Militärtribunen Caesar Dank dafür ab, dass er über sie ein hervorragendes Urteil gefällt habe.
Divico ita cum Caesare egit:
Si pacem populus Romanus cum Helvetiis faceret, in eam partem ituros atque ibi futuros Helvetios, ubi eos Caesar constituisset. Sin bello persequi perseveraret, reminisceretur et veteris incommodi populi Romani et pristinae virtutis Helvetiorum.
[Gall.1,13,3-4]
Divico verhandelte folgendermaßen mit Caesar:
Wenn das römische Volk mit den Helvetiern Frieden schließe, würden sie in die Richtung gehen und dort bleiben, wo Caesar sie angesiedelt habe. Wenn er jedoch auf Fortsetzung des Krieges beharre, solle er sich erinnern an die alte Niederlage des römischen Volkes und die frühere Tapferkeit der Helvetier.
Coniunctivus potentialis und irrealis der Gegenwart in Konditionalsätzen
In deutschen konditionalen Satzperioden wird kein Unterschied zwischen einer vom Sprecher erfüllbar gedachten und einer vom Sprecher unerfüllbar gedachten Möglichkeit gemacht, im Lateinischen steht dagegen im ersten Fall Konjunktiv Präsens und im zweiten Fall Konjunktiv Imperfekt.
Haec si tecum ita patria loquatur, nonne impetrare debeat.
[Cat.1,19]
Wenn die Vaterstadt so mit dir spräche, müsste sie etwa nicht Erfolg haben?
Servi mehercule mei si me isto pacto metuerent, ut te metuunt omnes cives tui, domum meam relinquendam putarem.
[Cat.1,17]
Wenn, beim Herkules, meine Sklaven mich so fürchteten, wie dich alle deine Mitbürger fürchten, würde ich glauben, dass ich mein Haus verlassen müsse.
Coniunctivus concessivus erfordert freie Übersetzung
Der Coniunctivus concessivus bezeichnet ein Zugeständnis und muss frei übersetzt werden (wenn auch, gesetzt dass, mag, zugegeben dass).
Eadem nunc defensionis ratio viaque temptatur: Verres sit fur, sit sacrilegus, sit flagitiorum omnium vitiorumque princeps – at est bonus imperator.
[Verr.2,5,4]
Dieselbe Methode der Verteidigung wird jetzt versucht: Verres mag ein Dieb, Tempelräuber und Ausbund aller Schandtaten und Laster sein – aber er ist ein guter Feldherr.
Coniunctivus dubitativus der Vergangenheit erfordert deutsches Plusquamperfekt
Der dubitative Konjunktiv wird mit dem Modalverb sollen übersetzt. Bei Coniunctivus dubitativus der Vergangenheit steht deutscher Konjunktiv Plusquamperfekt.
Quid facerent miseri aut quid recusarent?
[Verr. 2,3,79]
Was hätten die Armen machen sollen oder was hätten sie zurückweisen sollen?
Coniunctivus optativus manchmal mit hoffentlich übersetzt
Ein Wunsch kann mit utinam oder velim, nolim, malim oder vellem, nollem, mallem verstärkt werden. Diese Wörter müssen nicht übersetzt werden.
Utinam tibi istam mentem di immortales duint!
[Cat.1,22]
Mögen dir die unsterblichen Götter diese Absicht geben!
Hoffentlich geben dir die unsterblichen Götter diese Absicht!
Coniunctivus imperativus der Vergangenheit erfordert deutsches Plusquamperfekt
Ein Wunsch kann mit utinam oder velim, nolim, malim oder vellem, nollem, mallem verstärkt werden. Diese Wörter müssen nicht übersetzt werden.
A Torquato hoc vitium sileretur!
[Sull.25]
Von Torquatus hätte dieser Fehler verschwiegen werden sollen!
Coniunctivus prohibitivus (Perfekt) erfordert deutsches Präsens
Ein Verbot wird im Lateinischen mit ne (oder einer ähnlichen Verneinung) und Konjunktiv Perfekt formuliert.
Ne vos quidem, iudices, mortem timueritis!
[Tusc.1,98]
Auch ihr, Richter, sollt den Tod nicht fürchten!
Zeitenverhältnisregeln für Nebensätze im Konjunktiv (Consecutio temporum)
Hauptsatztempus Zeitverhältnis Nebensatztempus
Haupttempus
(Präsens, Futur I, Futur II)
< gleichzeitig < Konjunktiv Präsens
Nebentempus
(Imperfekt, Perfekt, Plusquamp.)
Konjunktiv Imperfekt
Haupttempus < vorzeitig < Konjunktiv Perfekt
Nebentempus Konjunktiv Plusquamperfekt
Haupttempus < nachzeitig < -urus, -ura, -urum sim
Nebentempus -urus, -ura, -urum essem

Nachzeitigkeit wird lediglich in indirekten Fragesätzen und non-dubito-quin-Sätzen beachtet:

Dubitabam, essesne meas litteras accepturus.
[Att.15,9,2]
Ich war im Zweifel, ob du meinen Brief erhalten würdest.
Nunc mihi non est dubium, quin legiones venturae non sint.
[fam.2,17,5]
Nun bin ich mir ganz sicher, dass keine Legionen kommen werden.

Nur vereinfachend steht in der Kopfzeile der Tabelle „Hauptsatztempus“, denn ein Nebensatztempus kann sich auch auf einen übergeordneten Nebensatz oder ein Verbum infinitum wie einen Infinitiv oder ein Partizip beziehen. Bei Erläuterung eines übergeordneten Nebensatzes ist das Tempus dieses Nebensatzverbs ausschlaggebend. In Bezug auf ein Verbum infinitum richtet sich meistens nur das Zeitverhältnis nach dem Verbum infinitum, die absolute Zeit hängt dagegen vom nächsten übergeordneten finiten Verb ab. Eine Ausnahme bildet jedoch der Infinitiv Perfekt, nach dem durch Tempusattraktion das Tempus im Konjunktiv stehen kann, das auch dann stünde, wenn statt des Infinitivs und des von ihm abhängigen Nebensatzes ein Haupt- und Nebensatz im Indikativ formuliert wäre.

Normalfall:
Satis multa mihi verba fecisse videor, qua re esset hoc bellum genere ipso necessarium, magnitudine periculosum.
[Manil.27]
Ausreichend glaube ich dargelegt zu haben, weshalb dieser Krieg aufgrund seiner Eigenart notwendig und aufgrund seiner Größe gefährlich ist.
Tempus wie bei Indikativ:
Fateor me erravisse, qui hoc maluerim, fateor insanivisse, qui cum illis senserim.
[S.Rosc.142]
Ich gestehe, dass ich mich geirrt habe, da ich ja dies lieber wollte, und ich gestehe, verrückt gewesen zu sein, da ich ja zu jenen hielt.

Die Regeln der Consecutio temporum werden in konjunktivischen Nebensätzen fast immer eingehalten. Eine Ausnahme bilden jedoch häufig die Konsekutivsätze.

Innerlich abhängige Sätze

Neben- und Hauptsätze, die im Coniunctivus obliquus stehen (z.B. in indirekter Rede), sowie alle indirekten Fragesätze, Finalsätze, quin-Sätze und finalen Relativsätze sind innerlich abhängig. Dies bedeutet inhaltlich, dass die Aussagen dieser Sätze nur als subjektive Aussagen des Subjekts des übergeordneten Satzes zu verstehen sind. Formales Kennzeichen innerlich abhängiger Sätze ist die Verwendung reflexiver Pronomina bei Bezug auf das Subjekt des übergeordneten Satzes („indirekte Reflexivität“).

Quod ubi Caesar resciit, Lingonibus imperavit, uti fugitivos conquirerent et reducerent, si sibi purgati esse vellent.
[Gall.1.28.1]
Sobald Caesar dies in Erfahrung gebracht hatte, befahl er den Lingonen, dass sie die Flüchtigen zusammenzutreiben und zurückzuführen sollten, wenn sie ihm gegenüber ohne Schuld sein wollten
Konjunktiv in indirekter Rede (Coniunctivus obliquus)

Als indirekte Rede bezeichnet man die nicht wörtliche, sondern nur berichtende Wiedergabe einer eigenen oder fremden Rede, wobei der Sprecher durch die Wahl der Prädikatsperson, des Prädikatsmodus und der Pronomina deutlich macht, dass er die Rede nur indirekt wiedergibt.

Im Deutschen stehen alle Haupt- und Nebensätze der indirekten Rede im Konjunktiv (Konjunktiv I im Normalfall, Konjunktiv II in konditionalen Perioden und bei Formgleichheit des Konjunktivs I mit dem Indikativ). Im Lateinischen wird bei indirekter Rede zwischen Aussagesätzen, Fragesätzen und Aufforderungs- bzw. Wunschsätzen unterschieden.

direkte Rede direkte Rede indirekte Rede
Aussagesatz > AcI
Fragesatz rhetorische Frage > AcI
andere Frage > abhängiger Fragesatz
Aufforderungs- und Wunschsatz > Finalsatz des begehrten Inhalts
Nebensatz (im Indikativ oder Konjunktiv) > innerlich abhängiger Nebensatz, d. h. Konjunktiv nach der Consecutio temporum
 
Divico ita cum Caesare egit:
Si pacem populus Romanus cum Helvetiis faceret, in eam partem ituros atque ibi futuros Helvetios, ubi eos Caesar constituisset.
[Gall.1,13,3]
Divico verhandelte so mit Caesar:
Wenn das römische Volk Frieden mit den Helvetiern schließe, würden die Helvetier dorthin gehen und dort bleiben, wo Caesar sie angesiedle.

Zum AcI in indirekter Rede. s. "AcI in indirekter Rede" und zu den Pronomina s. "Reflexive Pronomina in indirekter Rede".

Tempusumschreibungen (Coniugatio periphrastica )
Mit dem Partizip Futur Aktiv und Formen von esse können die eigentlichen Tempora durch Umschreibungen ersetzt werden (z.B. scribo durch scripturus sum, scribam durch scripturus ero, scribebam durch scripturus eram usw.). Sinn dieser Umschreibungen ist es, einen besonderen Aspekt der Verbalhandlung hervorzuheben oder einfach fehlende Formen zu ersetzen. In Hauptsätzen steht meistens der Indikativ und dient dazu, das umittelbare Bevorstehen einer Verbalhandlung zu betonen (im Begriff sein, die Absicht haben, wollen). In Nebensätzen steht überwiegend der Konjunktiv, der insbesondere bei Formen auf -urus sim und -urus essem die fehlenden Konjunktiv-Futur-Formen (zur Bezeichnung der Nachzeitigkeit in quin-Sätzen und abhängigen Fragesätzen) ersetzt.
-urus sum
De praeda mea praeter quaestores urbanos, id est populum Romanum, terruncium nec attigit nec tacturus est quisquam.
[fam.2,17,4]
Von meiner Beute hat außer den Stadtquästoren, d.h. außer dem römischen Volk niemand ein Teruncius (1/4 As) angerührt und es darf auch niemand einen anrühren.
-urus eram
Scribam ad te plura alias. Paucis enim diebus eram missurus domesticos tabellarios, ut unis litteris totius aetatis res gestas ad senatum perscriberem.
[fam.2,7,3]
Ich werde dir ein anderes Mal mehr schreiben. Denn vor wenigen Tagen habe ich damit begonnen eigene Boten loszuschicken, um dem Senat in einem Brief die Ereignisse des ganzen Siommers zu beschreiben.
-urus ero
Oportet eorum, apud quos aliquid aget aut erit acturus, mentis sensusque degustet.
[de orat.1,223]
Es ist notwendig, dass er (der Redner) einen Eindruck von den Gedankengängen und Empfindungen derer bekommt, bei denen er etwas vortragen wird oder beabsichtigen wird, etwas vorzutragen.
-urus fui
Quae est anus tam delira, quae timeat Acherunsia templa alta Orci, quae vos videlicet, si physica non didicissetis, timeretis. [...] E quo intellegi potest, quam acuti natura sint, quoniam haec sine doctrina credituri fuerunt.
[Tusc.1,48]
Welche alte Frau ist so verrückt, dass sie die tiefen Räume der Unterwelt beim Acheron fürchtet, vor denen ihr euch offenbar fürchten würdet, wenn ihr nicht Physik gelernt hättet. [...] Daran kann man erkennen, wie scharfsinnig derartige Philosophen von Natur aus sind, da sie ohne Unterricht solches Zeug zu glauben bereit waren.
-urus sim
Non dubito, quin te quoque haec delibaratio sit perturbata.
[fam.8,14,2]
Ich zweifle nicht daran, dass auch dich diese Entscheidung in Verwirrung stürzen wird.
-urus essem
Non fuerat mihi dubium, quin te Tarenti aut Brundisi visurus essem [Att.3,6] Ich hatte keine Zweifel daran, dass ich dich in Tarent oder Brindisi sehen würde.
Imperativ

Anders als im Deutschen gibt es im Lateinischen zwei Imperativ-Formen, die im Deutschen zwar beide durch Imperativ oder durch ein Modalverb mit Infinitiv wiedergegeben werden können, sich aber hinsichtlich des Geltungsbereichs unterscheiden:

Imperativ Präsens („Imperativ I“): sofort auszuführen
Egredere ex urbe, libera rem publicam metu!
[Cat.1,20]
Geh aus der Stadt, befreie den Staat von Furcht!
Imperativ Futur („Imperativ II“): in Gesetzestexten und allgemeinen Sentenzen
Caelestia semper spectato, humana contemnito!
[rep.6,20]
Behalte die himmlischen Dimensionen immer im Blick und schätze Menschliches gering!
Verbot
Der Imperativ wird nur selten mit ne verneint. Ein Verbot an die 2. Person bezeichnen gewöhnlich ne mit Konjunktiv Perfekt oder noli mit Infinitiv.
 

Genera verbi

Je nachdem, ob das Subjekt die Verbhandlung vollzieht bzw. auslöst oder von ihr betroffen wird, unterscheidet man im Lateinischen die Genera verbi („Diathesen“) Aktiv und Passiv.

Genera eines Verbs (Beispiel: amare in der 1. Person Indikativ Plural)
Aktiv amamus wir lieben
Passiv amamur wir werden geliebt

Ein Aktiv-Personenzeichen kann den Vollzug oder die Veranlassung (kausatives Aktiv: lassen) einer Prädikatshandlung durch das Subjekt bezeichnen. Häufig lässt der Kontext nicht eindeutig erkennen, welche Verwendungsweise vorliegt:

Caesar ipse in Italiam magnis itineribus contendit duasque ibi legiones conscribit et tres, quae circum Aquileiam hiemabant, ex hibernis educit et, qua proximum iter in ulteriorem Galliam per Alpes erat, cum his quinque legionibus ire contendit.
[Gall.1,10,3]
Caesar selbst eilte in Eilmärschen nach Italien, ließ dort zwei Legionen ausheben und drei Legionen, die bei Aquileia überwinterten, aus dem Winterlager herausführen. Mit diesen fünf Legionen bemühte er sich auf dem kürzesten Weg nach Gallia ulterior über die Alpen zu gelangen.

Eine Passivform kann den Vollzug der Verbalhandlung an dem Subjekt (bei transitiven Verben) oder Objekt (bei intransitiven Verben) durch einen anderen Urheber bezeichnen (in dieser Funktion: Verba passiva). Die Passivform transitiver Verben kann häufig aber auch eine reflexive Tätigkeit beschreiben (in dieser Funktion: Verba mediopassiva). Schließlich bezeichnet sie bei Deponentien eine aktive oder reflexive Handlung.

Causa (Rhenum) transeundi fuit, quod Usipetes et Tenctheri ab Suebis bello premebantur. […] Suebi in eam se consuetudinem adduxerunt, ut locis frigidissimis neque vestitus praeter pelles haberent quicquam et lavarentur in fluminibus. […] Iumentis, quibus maxime Galli delectantur, Germani importatis non utuntur.
[Gall.4,1,2 u. 10]
Der Grund für den Rheinübergang war, dass die Usipeter und Tenktherer von den Sueben kriegerisch bedrängt wurden. […] Die Sueben hatten sich angewöhnt, dass sie an diesen eiskalten Orten keine Kleidungsstücke außer Fellen trugen und sich in Flüssen wuschen. […] Importierte Pferde, über die sich besonders die Gallier freuen, gebrauchen die Germanen nicht.
Unterschied zwischen Verb mit Reflexivpronomen und Verbum mediopassivum

Ein aktives Verb mit Reflexivpronomen betont die Aktivität des Subjekts, ein als Mediopassivum verwendetes Verb im Passiv dagegen die Passivität des Subjekts.

Solum, quod se ipsum movet, quia numquam deseritur a se, numquam ne moveri quidem desinit.
[Tusc.1,53]
Nur was sich selbst bewegt, hört niemals auf sich zu bewegen, weil es von sich selbst niemals im Stich gelassen wird.
Partizip Perfekt Passiv mit Formen von fuisse zur Bezeichnung eines Zustands

Wenn betont werden soll, dass ein Zustand in der Vergangenheit bestand und nun nicht mehr besteht, kann statt dem Typus amatus sum der Typus amatus fui stehen. Eine tätige Person steht dabei gewöhnlich im Dativus auctoris.

Pons, qui fuerat tempestate interruptus, paene erat refectus.
[civ.1,41,1]
Die Brücke, die durch den Sturm unbegehbar geworden war, war beinahe wieder hergestellt.

Verb als Vollverb

Vollverb heißt ein Verb dann, wenn es - aufgrund seiner Sinnfülle - alleine das Prädikat bildet (z.B. vivere / leben). Grundsätzlich lassen sich folgende Gruppen unterscheiden:
– Tätigkeitsverben (z.B. laborare/arbeiten)
– Vorgangsverben (z.B. dormire/schlafen)
– Zustandsverben (z.B. habitare/wohnen)

In qua urbe vivimus?
In welcher Stadt leben wir?
[Cat.1,9]
 
Sunt, qui discessum animi a corpore putent mortem.
Es gibt Leute, die den Tod nur für eine Trennung der Seele vom Körper halten.
[Tusc.1,18]

Valenzen

Das Potential eines Verbs, durch Ergänzungen inhaltlich bereichert zu werden, heißt Valenz („Wertigkeit“). Ergänzungen müssen bei Vollverben meistens nicht stehen, aber wenn sie stehen, sind sie in ihrer Form vom Verb bedingt. So kann z.B. eine finite Form von proficisci ganz alleine einen Satz bilden, aber wenn zusätzlich angegeben wird, wer oder wohin jemand aufbricht, dann sind diese Angaben durch proficisci in ihrer Form festgelegt: Das Subjekt muss ein Nomen sein (kein Infinitiv oder Nebensatz) und für die Zielangaben kommen als Präpositionen nur ad und in in Frage.

Die Valenz eines lateinischen Verbs entspricht aufgrund der geschichtlichen Abhängigkeit der deutschen Grammatik von der lateinischen sehr oft seinem deutschen Äquivalent. So können z.B. viele lateinische Verben Ergänzungen auf die Frage "Wer oder was?" und "Wen oder was?" bei sich haben und ebenso werden ihre deutschen Entsprechungen konstruiert (z.B. laudare - loben). Solche Verben sind - vom Deutschen aus gesehen - syntaktisch einfach.

Bei lateinischen Verben, deren Ergänzungen nicht dem Deutschen entsprechen, muss beim Vokabellernen zusätzlich zur Wortbedeutung die Verbvalenz gelernt werden. Dies ist z.B. bei allen Verben mit Ablativ-Ergänzung der Fall (uti, frui, fungi, potiri, afficere usw.). Die Kenntnis von der Verbvalenz ist aber auch dann sehr hilfreich, wenn unterschiedliche Bedeutungen eines Verbs an verschiedenartigen Ergänzungen formal erkennbar sind. Dies trifft z.B. für contendere zu (mit Infinitiv: sich anstrengen, mit AcI: behaupten, mit cum und Nomen: kämpfen, mit ad und Nomen: eilen).

Bei einer Präposition mit Nomen fällt manchmal die Entscheidung schwer, ob es sich dabei um eine - nicht vom Verb bedingte - freie Angabe oder um eine Ergänzung handelt. Dies kann man jedoch ziemlich zuverlässig dadurch prüfen, ob sich die Präposition mit Nomen in der deutschen Übersetzung durch machen vom Verb abspalten lässt oder nicht. So ist z.B. in dem Satz "Romae laboramus" Romae eine Freie Angabe, da Rom von arbeiten durch Wir arbeiten und das machen wir in Rom getrennt werden kann. In dem Satz "Romae habito" ist dies nicht der Fall, Romae also eine Ergänzung.

In der Wachstafelngrammatik werden Ergänzungen durch zwei Schnüre mit dem Prädikat verbunden, so dass die Abhängigkeit der ergänzenden Wachstafel von der Prädikat-Wachstafel sichtbar wird.

einwertige Vollverben
Ein einwertiges Verb kann nur ein Subjekt von sich abhängig machen.
Carneades nonaginta vixit annos
Karneades lebte 80 Jahre lang.
[Ac.2,16]
zweiwertige Vollverben
Im Valenzrahmen eines zweiwertigen Verbs liegt zusätzlich zum Subjekt eine weitere Ergänzung, die in einem Objekt oder einem Adverbiale bestehen kann. Ein Verb, das ein Nomen im Akkusativ als Objekt bei sich haben kann, heißt „transitives Verb“.
Helvetii in tertium annum profectionem lege confirmant.
Die Helvetier legten den Aufbruch gesetzlich auf das dritte Jahr fest.
[Gall.1,3,2)
 
Caesar quam maximis potest itineribus in Galliam ulteriorem contendit.
Caesar eilte, so schnell er konnte, in die Provinz Gallia ulterior
[Gall.1,7,1]
dreiwertige Vollverben
Dreiwertige Verben zeichen sich dadurch aus, dass sie zusätzlich zum Subjekt zwei weitere Ergänzungen von sich abhängig machen können. Wenn eine dieser Ergänzungen ein Objekt in Form eines Nomens im Akkusativ ist, heißt das Verb „transitives Verb".
Gallos ab Aquitanis Garunna flumen dividit.
Die Gallier trennt die Garonne von den Aquitanern.
[Gall.1,1,2]
 
Hic pagus unus L. Cassii consulis exercitum sub iugum miserat.
Dieser eine Stammesteil hatte das Heer des Konsuls L. Cassius unters Joch geschickt.
[Gall.1,12,5]
vierwertige Vollverben
Vierwertige Verben zeichen sich dadurch aus, dass sie zusätzlich zum Subjekt drei weitere Ergänzungen von sich abhängig machen können. Wenn eine dieser Ergänzungen ein Objekt in Form eines Nomens im Akkusativ ist, heißt das Verb „transitives Verb“.
Orgetorix Dumnorigi Haeduo filiam suam in matrimonium dat.
Orgetorix gab dem Häduer Dumnorix seine Tochter zur Frau.
[Gall.1,3,5]
 
Aufgabe: Verbale Rollen von debere
Bestimmen Sie die verbale Rolle von debere, indem Sie die Wortfelder in die richtigen Zeilen ziehen.
Tibi incredibilem amorem debeo. (ep.1,9,4)
debeo
 
Wer/Was-E.
 
 
Wem-E.
 
Tibi  
Wen-E.
 
incredibilem amorem
Quid ego, senator, facere debeo? (prov.30)
debeo
facere
Wer/Was-E.
 
ego senator
Wem-E.
 
 
Wen/Was-E.
 
Quid

 

Verb als Formträger ("Kopula")

Verben übernehmen die Rolle einer Kopula, wenn sie nicht alleine das Prädikat bilden, sondern zusammen mit sinntragenden Wörtern. Am häufigsten übernimmt sein / esse diese Rolle. Es können aber auch andere Verben, die sonst als Vollverben auftreten, in bestimmten Wortkombinationen lediglich als Formträger im Prädikat erscheinen (oves agere - gratias agere).

Manchmal lässt sich im Deutschen und im Lateinischen nicht eindeutig erkennen, ob eine Erläuterung Objekt, Adverbiale oder Prädikatsteil ist. Im Deutschen kann dann die Artikel-Probe helfen: Wenn es nicht möglich ist, zum Substantiv einen Artikel zu setzen, handelt es sich um einen Prädikatsteil (z.B. Dank sagen). Im Lateinischen können ergänzende Subjunktionalsätze Klarheit verschaffen. Z.B. kann ein quod-Satz bei gratias agere oder bene evenire nur dann als sinnvolle Ergänzung des Prädikats verstanden werden, wenn gratias agere oder bene evenire zusammen das Prädikat bilden.

Accidit perincommode, quod eum nusquam vidisti.
Es traf sich äußerst ungünstig, dass du ihn nirgendwo gesehen hast.
[Att.1,17,2]

 

Häufige Formträger-Sinnträger-Kombinationen

esse mit Gleichsetzungsnominativ, Genitiv, Dativ, Ablativ,  Präposition mit Substantiv., Adverb, Infinitiv oder Gerundivum ("Prädikatsnomen")
Apud Helvetios longe nobilissimus fuit et ditissimus Orgetorix.
[Gall.1,2,1]
Bei den Helvetiern war Orgetorix  bei weitem der vornehmste und reichste.
Quid sui consilii sit, Caesar ostendit.
[Gall.1,21,2]
Caesar legte dar, welchen Plan er hatte.
Omnibus Verres Siculis odio est.
[Verr.2,4,15]
Allen Siculern ist Verres verhasst.
Britanni sunt capillo promisso.
[Gall.5,14,3]
Die Britannier tragen langes Haar.
Si Cn. Plancius mihi quaestor fuisset, in fili loco fuisset.
[p.red.in.sen.35]
Wenn Cn. Plancius mein Quaestor gewesen wäre, hätte er die Stelle eines Sohnes eingenommen.
Mihi vivere [Subjekt] est cogitare.
[Tusc.5,111]
Für mich besteht Leben im Denken.
Caesari erant valles transcendendae maximae ac difficillimae.
[civ.1,68,2]
Von Caesar mussten tiefe und unwegsame Täler überquert werden.
Sic est vulgus.
[Q.Roscius 29]
So ist das Volk.
Verben mit Gleichsetzungsnominativ ("Prädikatsnomen")
fieri werden zu  
evadere hervorgehen als  
manere bleiben  
videri erscheinen als  
Cum bellis Carthaginiensibus Sicilia vexata est, tamen incolumis numerus manebat dominorum atque aratorum.
[Verr.3,125]
Als zur Zeit der Punischen Kriege Sizilien verwüstet wurde, blieb dennoch die Zahl der Grundbesitzer und Landwirte unverändert.
Verben mit Gleichsetzungsakkusativ ("Prädikatsnomen")
Im Passiv stehen diese Verben mit Gleichsetzungsnominativ.
dicere, appellare, nominare, vocare nennen  
ducere, existimare, iudicare, putare halten für  
facere, efficere, reddere machen zu  
se praebere, se praestare sich zeigen als  
declarare ausrufen als  
Me cuncta Italia, me omnes ordines, me universa civitas priorem consulem declaravit.
[Pis.3]
Mich hat ganz Italien, mich haben alle Stände, mich hat die ganze Bürgerschaft zum ersten Konsul ausgerufen.
Modalverben mit Infinitiv
coepisse; desinere, desisitere anfangen; aufhören  
pergere fortfahren  
solere, consuescere gewohnt sein  
audere; conari wagen; versuchen  
posse; debere können; müssen  
Non potest sperare populus Romanus esse alios in senatu, qui recte possint iudicare, vos si non potueritis.
[Verr.1,22]
Das römische Volk kann nicht darauf hoffen, dass es andere im Senat gibt, die richtig urteilen können, wenn ihr es nicht könnt.
Verben mit Substantiv, das den Sinn der Kombination trägt
gratias agere (, quod) dafür danken (, dass)  
vitio / crimini dare (, ut) zum Vorwurf machen (, dass)  
rationem habere (, ut) dafür sorgen (, dass)  
Principes Galliae dicunt imprimis rationem esse habendam, ut Caesar ab exercitu intercludatur.
[Verr.3,125]
Die Häuptlinge Galliens sagten, man müsse besonders dafür sorgen, dass Caesar vom Heer abgeschnitten werde.
Verben mit Präposition und Substantiv, die den Sinn der Kombination tragen
habere, ducere, existimare, numerare (in / pro) loco, numero zählen zu  
Caesar ad Lingonas litteras nuntiosque misit, ne Helvetios iuvarent; qui si iuvissent, se eodem loco quo Helvetios habiturum.
[Gall.1,26,6]
Caesar schickte Briefe und Gesandte zu den Lingonen, damit sie die Helvetier nicht unter-stützten: Wenn diese sie unterstützten, werde er sie ebenso behandeln wie die Helvetier.
Verben mit Adverb, das den Sinn der Kombination trägt
bene / male accidit es trifft sich gut / schlecht  
aegre / graviter / moleste ferre lästig finden / sich ärgern / ungehalten sein  
Molestissime fero, quod, te ubi visurus sim, nescio.
[fam.3,6,5]
Ich bin äußerst ungehalten darüber, dass ich nicht weiß, wo ich dich sehen werde.
Regel von der umgekehrten Kongruenz bei pronominalem Subjekt und zweiteiligem Prädikat

Wenn das Subjekt durch ein Pronomen und das Prädikat durch esse mit einem Substantiv im Nominativ verwirklicht wird, so richtet sich im Lateinischen das Genus des Pronomens nach dem nominalen Prädikatsteil. Im Deutschen steht dagegen in diesem Fall das Pronomen im Neutrum:

Ista quidem vis est!
[Suet.Iul.82,1]
Das ist ja Gewalt!
 
Aufgabe: Verbale Rollen von reddere
Bestimmen Sie Abhängigkeiten zwischen den Wörtern, indem Sie die Wortfelder in die richtigen Zeilen ziehen.
Phalereus primus orationem mollem teneramque reddidit. (Brut.38)
Reddite rei publicae consulem. (Muren. 90)
reddidit
mollem teneramque
Wer/Was-E.
 
Phalereus
Wem-E.
 
 
Wen/Was-E.
 
orationem
primus
Reddite  
Wer/Was-E.
 
 
Wem-E.
 
rei publicae
Wen/Was-E.
 
consulem  
   

Esse als Teil einer analytischen Verbform

Im Deutschen bilden wir Aktiv und Passiv des Perfektsystems mit analytischen (aufgelösten) Verben, indem wir finite Formen von haben oder sein und ein Partizip verwenden (wir haben gehört, sie sind gelobt worden). Im Lateinischen bildet man dagegen das Aktiv des Perfektsystems mit synthetischen (zusammengesetzten) Verbformen (audivimus) und nur das Passiv des Perfektsystems mit mehreren Wörtern, nämlich finiten Formen von esse und einem Partizip (laudati sunt).

Ea res est Helvetiis per indicium enuntiata.
Dieser Plan (des Orgetorix) wurde den Helvetiern durch eine Meldung verraten.
[Gall.1,4,1]
Mit habere oder tenere gebildete Formen des aktiven Perfektsystems

Wenn der Zustand betont werden soll, der durch eine Verbalhandlung erreicht wurde, kann auch im Lateinischen habere oder tenere mit Partizip statt einer synthetischen Verbalform stehen. 

Etsi multis iam rebus perfidiam Haeduorum perspectam habebat atque horum discessu admaturari defectionem civitatis existimabat, tamen eos retinendos non constituit.
[Gall.7,54,2]
Obwohl er aufgrund vieler Vorfälle die Unzuverlässigkeit der Häduer durchschaut hatte und glaubte, dass durch deren (Viridomarus und Eporedorix) Weggang der Abfall des Stammes beschleunigt werde, glaubte er doch nicht, sie zurückhalten zu dürfen.
 
Aufgabe: Verbale Rollen von esse
Bestimmen Sie Abhängigkeiten zwischen den Wörtern, indem Sie die Wortfelder in die richtigen Zeilen ziehen.
Segusiavi sunt extra provinciam trans Rhodanum primi. (Gall.1,10,5)
sunt
primi
Wer/Was-E.
 
Segusiavi
Wen/Was-E.
 
 
Ort/Richt.-E.
 
 
freie Angabe
extra provinciam trans Rhodanum
Castra sunt in Italia contra populum Romanum in Etruriae faucibus collocata. (Cat.1,5)
sunt collocata
Wer/Was-E.
 
Castra
Wen/Was-E.
 
Ort/Richt.-E.
 
in Italia in Etruriae faucibus
freie Angabe
contra populum Romanum

Das Pronomen

Im Lateinischen verwendet man ein Pronomen wie im Deutschen, wenn man die Wiederholung eines Nomens vermeiden will (Personal-, Possessiv- und manche Demonstrativpronomina), wenn man ein Nomen erläutern möchte (Relativ- und manche Demonstrativpronomina) oder wenn man ein Pronomen nicht genau bestimmen kann oder will (Interrogativ- und Indefinitpronomina). Da ein Pronomen – wie der Name sagt – anstatt eines Nomens steht, sind seine syntaktischen Funktionen fast so zahlreich wie die eines Substantivs und Adjektivs. Es kann allerdings nie die Rolle eines bezogenen Adverbiales übernehmen.

Personalpronomen

Ein Personalpronomen verweist auf eine Person und wird deshalb nur substantivisch gebraucht. Da im Lateinischen das Prädikat allein mit seiner Endung das Subjekt bezeichnen kann, steht das lateinische Personalpronomen viel seltener als das deutsche. Als Subjekt erscheint es nur zur Betonung oder Kontrastierung mit anderen Personen.

Nos, nos, dico aperte, consules desumus.
[Cat.1,3]
Wir, wir – ich sage es offen – die Konsuln sind säumig.
Dixi ego idem in senatu caedem te optumatium contulisse in ante diem V Kalendas Novembris.
[Cat.1,7]
Ich habe im Senat auch vorausgesagt, dass du die Ermordung der Optimaten auf den 28. Oktober gelegt habest.
 
Personalpronomen
1. Person 2. Person 3. Person
    nicht reflexiv reflexiv
ego;
nos
tu;
vos
is, ea, id;
ei, eae, ea
sui, sibi, se, se;
sui, sibi, se, se
Reflexivität und Nichtreflexivität in der 3. Person des Personalpronomens

Die Form des Personalpronomens der 3. Person hängt im Deutschen und im Lateinischen nicht nur von Kasus, Numerus und Genus ab, sondern auch vom Verhältnis des Personalpronomens zum Subjekt:

Direkte Reflexivität bei Identität mit dem Subjekt des Satzes oder dem Subjektsakkusativ
Wenn in einem Haupt- oder Nebensatzes die mit dem Personalpronomen bezeichnete Person identisch ist mit dem Subjekt des Satzes, in dem das Personalpronomen steht, muss im Lateinischen und Deutschen das reflexive Personalpronomen verwendet werden.
Wenn in einem AcI die mit dem Personalpronomen bezeichnete Person identisch ist mit dem Subjekt, steht im Lateinischen das reflexive Personalpronomen, im deutschen dass-Satz dagegen das nichtreflexive Personalpronomen.
Ein reflexives Personalpronomen kann in einem AcI auch deshalb stehen, weil ein Pronomen mit dem Binnensubjekt identisch ist.
Orgetorix per eos, ne causam diceret, se eripuit.
[Gall.1,4,2]
Orgetorix entzog sich durch sie einer Aussage vor Gericht.
Caesar negat se more et exemplo populi Romani posse iter ulli per provinciam dare.
[Gall.1,8,3]
Caesar sagte, er könne aufgrund der traditionellen Verhaltensweise des römischen Volkes niemandem die Durchreise durch die Provinz gestatten.
Ego, patres conscripti, memoria teneo Q. Scaevolam augurem cotidie facere omnibus potestatem conveniendi sui.
[Phil.8,31]
Ich, ihr Senatoren, erinnere mich, dass der Augur Q. Scaevola allen die Möglichkeit einräumte ihn zu treffen.
Direkte Reflexivität bei Identität mit dem logischen Subjekt ("man")
Das reflexive Personalpronomen kann im Lateinischen und Deutschen auch dann verwendet werden, wenn die vom Personalpronomen bezeichnete Person zwar nicht mit dem grammatischen Subjekt, aber mit dem sinngemäßen Hauptakteur („logisches Subjekt“) identisch ist.
Quod sibi petitur, certe alteri non exigitur.
[Q.Rosc.52]
Was man für sich fordert, treibt man sicher nicht für den anderen ein.
Indirekte Reflexivität bei Identität mit dem Subjekt des innerlich abhängigen überge-ordneten Satzes
Das reflexive Personalpronomen steht im Lateinischen auch dann, wenn ein Personalpronomen in einem innerlich abhängigen Nebensatz mit dem Subjekt des übergeordneten Satzes identisch ist.
Cassius constituit, ut ludi absente se fierent suo nomine.
[Att.15,11,2]
Cassius beschloss, dass trotz seiner Abwesenheit Spiele in seinem Namen stattfinden sollten.

Reflexive Pronomina in einem AcI oder innerlich abhängigen Nebensatz können sich also auf den Subjektsakkusativ bzw. das Subjekt des Nebensatzes oder auf das übergeordnete Subjekt beziehen. Um Missverständnisse zu vermeiden, steht manchmal anstelle eines indirekt reflexiven Personalpronomens ipse.

Ariovistus ad Caesarem legatos mittit, uti ex suis legatis aliquem ad se mitteret.
[Gall.1,47,1]
Ariovist schickte Gesandte zu Caesar, damit er einen seiner (dir.) Legaten zu ihm (ind.) schicke.
Caesar centuriones vehementer incusavit: Quid tandem vererentur aut cur de sua virtute aut de ipsius diligentia desperarent.
[Gall.1,40,4]
Caesar machte den Zenturionen schwere Vorwürfe: Wovor sie denn Angst hätten oder warum sie an ihrer Tapferkeit oder seiner Umsicht zweifelten.
Die Genitive nostrum und vestrum

Die Genitive nostrum und vestrum (Kurzformen für nostrorum und vestrorum) werden dann verwendet, wenn der Genitiv die semantische Funktion eines Genitivus totius hat.

Catilina notat et designat oculis ad caedem unumquemque nostrum.
[Cat.1,2]
Catilina weiht mit seinem Blick einen jeden von uns dem Tod.
Is,ea,id als Ersatzform eines nichtreflexiven Possessivpronomens und als Demonstrativpronomen

Zu is,ea,id in anderen Rollen als der eines Personalpronomens s. die Kapitel Possessivpronomen und Demonstrativpronomen.

Reflexive Pronomina in indirekter Rede

Da die Haupt- und Nebensätze der indirekten Rede vom Prädikat des einleitenden Satzes innerlich abhängig sind, herrscht in ihnen indirekte Reflexivität, d.h. bei Bezug auf das Subjekt des einleitenden Satzes stehen reflexive Personal- und Possessivpronomina.

direkte Rede:
"Eo minus dubitationis mihi datur, quod eas res, quas commemoravisti, memoria teneo." "Für mich besteht (gerade) deshalb weniger Zweifel, weil ich diese Ereignisse, die ihr erwähnt habt, (durchaus) kenne."
indirekte Rede:
Caesar ita respondit:
Eo sibi minus dubitationis dari, quod eas res, quas legati Helvetiii commemorassent, memoria teneret.
[Gall.1,14,1]
Caesar antwortete so:
Für ihn bestehe (gerade) deshalb um so weniger Zweifel, weil er diese Ereignisse, die die helvetischen Gesandten erwähnt hätten, (durchaus) kenne.

Zum Konjunktiv in indirekter Rede s. "Konjunktiv in indirekter Rede" und zum AcI s. "AcI in indirekter Rede".

Possessivpronomen

Ein Possessivpronomen wird gewöhnlich adjektivisch gebraucht, es kann aber auch wie ein Adjektiv substantivisch verwendet werden. Es bezeichnet einen Besitzer im eigentlichen oder übertragenen Sinn.

Sensistine Praeneste meo iussu meis praesidiis, custodiis, vigiliis esse munitam?
[Cat.1,8].
Hast du bemerkt, dass Praeneste auf meinen Befehl hin von meinen Wachtposten, Aufpassern und Nachtwachen geschützt wurde?
Suum cuique. Jedem das Seine.
 
Possessivpronomen
1. Person 2. Person 3. Person
    nicht reflexiv reflexiv
meus, mea, meum;
noster, nostra, nostrum
tuus, tua, tuum;
vester, vestra, vestrum
eius;
eorum, earum, eorum
suus, sua, suum;
suus, sua, suum
Reflexivität und Nichtreflexivität in der 3. Person des Possessivpronomens

Im Lateinischen muss – anders als im Deutschen – auch beim Possessivpronomen der 3. Person das Verhältnis des Pronomens zum Subjekt beachtet werden. Es gelten die gleichen Regeln wie beim Personalpronomen:

Direkte Reflexivität bei Bezug auf das Subjekt des Satzes oder den Subjektsakkusativ
Orgetorix confirmat se suis copiis suoque exercitu illis regnum conciliaturum (esse).
[Gall.1,3,7]
Orgetorix versicherte, dass er mit seinen Truppen und seinem Heer jenen Königreiche verschaffen werde.
Helvetios in fines suos reverti iussit.
[Gall.1,28,3]
Caesar befahl, dass die Helvetier in ihr Gebiet zurück zogen.
Direkte Reflexivität bei Bezug auf das logische Subjekt oder Betonung der Zugehörigkeit ("sein eigener")
Caesar Fabium cum sua legione remittit in hiberna.
[Gall.5,53,3]
Caesar schickte Fabius mit seiner eigenen (also der des Fabius) Legion ins Winterlager.
Indirekte Reflexivität bei Bezug auf das Subjekt des innerlich abhängigen übergeordneten Satzes
Cassius constituit, ut ludi absente se fierent suo nomine.
[Att.15,11,2]
Cassius beschloss, dass trotz seiner Abwesenheit Spiele in seinem Namen stattfinden sollten.
Is,ea,id als Personalpronomen und als Demonstrativpronomen

Zu is,ea,id als Personalpronomen oder Demonstrativpronomen s. die Kapitel Personalpronomen und Demonstrativpronomen.

Demonstrativpronomen

Demonstrativpronomina können sowohl substantivisch als auch adjektivisch gebraucht werden.

Quo etiam maiore sunt isti odio supplicioque digni, qui deorum templis atque delubris sunt funestos ac nefarios ignes inferre conati.
[Cat.3,22]
Desto größere Verachtung und Bestrafung verdienen diese Typen, die versucht haben, an die Tempel und Heiligtümer der Götter ganz unsägliches Feuer zu legen.
Quam diu etiam furor iste tuus nos eludet?
[Cat. 1,1]
Wie lange denn noch wird uns dieser dein Wahnsinn zum Narren halten?
 
Demonstrativpronomen
hic, haec, hoc dieser, mein/unser, folgender
bezeichnet eine Person oder Sache, die dem Sprecher örtlich oder zeitlich nahe steht oder liegt.
Da mihi hunc librum! Gib mir dieses Buch!
Diligimus hanc urbem. Wir lieben unsere Stadt.
Caesar haec locutus est: … Caesar sagte Folgendes: …
is, ea, id dieser
hat die gleichen semantischen Funktionen wie hic,haec,hoc. (Zu seinen Funktionen als nichtreflexives Personalpronomen und Possessivpronomen der 3. Person s. u.).
Da mihi eum librum! Gib mir dieses Buch!
iste, ista, istud der da
bezeichnet – häufig mit abwertendem Sinn – eine Person oder Sache, die dem Angesprochenen örtlich oder zeitlich nahe liegt.
Ista subsellia vacua sunt. Die Bänke in deiner Nähe sind leer.
Iste mihi maledixit. Der Schuft da hat mich beleidigt.
ille, illa, illud jener, der bekannte
bezeichnet eine Person oder Sache, die dem Sprecher fern liegt. Diese Ferne kann z.B. durch das Alter, den Ruhm, aber auch nur formal durch die Position des Bezugswortes im vorausgehenden Satz bedingt sein.
Illis temporibus mores maiorum vigebant. In jenen Zeiten hatten die Sitten der Vorfahren große Bedeutung.
Illum Ciceronem in exilium miserunt. Den berühmten Cicero haben sie in das Exil geschickt.
Hannibal et Scipio praeclari sunt: hic Romanus, ille Poenus natione. Hannibal und Scipio sind weltberühmt: der letzgenannte war Römer, der erstgenannte Punier.
idem, eadem, idem derselbe
weist auf eine bereits genannte Person oder Sache hin, um eine gleichartige oder gegensätzliche Aussage hinzuzufügen.
Cicero disertus fuit idemque doctus. Cicero war beredt und zugleich/ auch gebildet
Quidam student rebus obscuris et eisdem non necessariis. Manche bemühen sich um geheimnisvolle, aber unnötige Dinge.
ipse, ipsa, ipsum selbst, persönlich, schon, genau
bezeichnet eine Person oder Sache, die der Sprecher hervorheben möchte.
Ipse dixit. Er hat es selbst/persönlich gesagt.
Ipsa spes homines adiuvat. Schon die Hoffnung hilft den Menschen.
Ipsos decem dies afuit. Sie ist genau zehn Tage lang weggewesen.
Ipse,ipsa,ipsum bei inhaltlicher Identität von Subjekt und Objekt auf das Subjekt bezogen

Um das Subjekt besonders zu betonen, bezieht sich ipse,ipsa,ipsum manchmal auch dann formal auf das Subjekt, wenn es nach dem deutschen Sprachgefühl auf das Objekt bezogen sein müsste.

Non potest exercitum is continere imperator, qui se ipse non continet.
[Manil.38]
Nicht im Griff haben kann sein Heer ein solcher Feldherr, der sich selbst nicht im Griff hat.
Regel von der umgekehrten Kongruenz bei pronominalem Subjekt und zweiteiligem Prädikat
(s. Das finite Verb)
Is,ea,id als Personalpronomen und als Ersatzform eines nichtreflexiven Possessivpronomens

Zu is,ea,id als Personalpronomen oder Ersatzform eines nichtreflexiven Possessivpronomens s. die Kapitel Personalpronomen und Possessivpronomen.

Relativpronomen

Ein Relativpronomen kongruiert in Genus und Numerus wie ein Adjektiv mit einem Bezugswort, ist in seinem Kasus aber von der Konstruktion des Relativsatzes abhängig. Es knüpft eine Beziehung zum übergeordneten Satz (s. dazu Der Relativsatz).

Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam Celtae.
[Gall.1,1,1]
Gallien ist – grob gesehen – in drei Teile geteilt, von welchen den einen die Belger, den anderen die Aquitaner und den dritten die Kelten bewohnen.
 
Relativpronomen
qui, quae, quod welcher, welche, welches,
der, die, das,
wer, was (bei fehlendem Bezugswort)
quicumque, quaecumque, quodcumque wer auch immer, welche auch immer, was auch immer
quisquis, quidquid (nur im Nom.) jeder,der / alles,was
Quocum, quacum und quibuscum

Die Präposition cum steht gewöhnlich hinter dem Ablativ des Relativpronomens und wird mit diesem zusammengeschrieben.

Relativischer Satzanschluss

Beim „relativischen Satzanschluss“ knüpft das Relativpronomen keine Beziehung zu einem übergeordneten, sondern zu einem gleichgeordneten Satz. In diesem Fall wird das Relativpronomen mit Demonstrativ- oder Personalpronomen übersetzt.

Pater Oppianici Cluentium suo testimonio sublevat. Quod recita!
[Cluent.168]
Der Vater des Oppianicus entlastet den Cluentius durch sein Zeugnis. Lies es vor!

 

Häufige relativische Satzanschlüsse:

qua re deshalb quodsi wenn aber/nun/also
quam ob rem deshalb quae cum ita sint unter diesen Umständen
qua de causa deshalb quibus rebus gestis darauf
quapropter deshalb quibus rebus cognitis auf diese Kunde

Interrogativpronomen

Interrogativpronomina unterscheiden sich bei substantivischem und adjektivischem Gebrauch teilweise in ihren Formen. Mit ihnen kann am Anfang eines Haupt- oder Nebensatzes eine Person oder Sache erfragt werden (s. dazu „Der abhängige Fragesatz“).

Quis te ex hac tanta frequentia totque tuis amicis ac necessariis salutavit?
[Cat.1,16]
Wer von dieser so großen Menge und deinen so vielen Freunden und Bekannten hat dich gegrüßt?
Qui locus ingenium patroni requirit aut oratoris eloquentiam magno opere desiderat?
[S.Rosc.34]
Welcher Anklagepunkt erfordert (überhaupt) das Talent eines Anwalts oder verlangt in besonderer Weise die Fähigkeit eines Redners?
 
Interrogativpronomen
quis, quid wer, was
qui, quae, quod welcher, welche, welches
uter, utra, utrum wer von beiden
qualis, quale wie beschaffen
quantus, quanta, quantum wie groß
Quis statt qui für die Frage nach dem Namen

Statt qui wird gewöhnlich quis adjektivisch neben Personenbezeichnungen verwendet, wenn nach dem Namen einer Person gefragt wird. Bei der Frage nach der Beschaffenheit einer Person steht erwartungsgemäß qui.

Quis tota Italia veneficus, quis gladiator, quis latro, quis sicarius, quis parricida inveniri potest, qui se cum Catilina non familiarissime vixisse fateatur?
[Cat.2,7]
Welchen Giftmischer kann man in ganz Italien finden, welchen Gladiator, welchen Räuber, welchen Halsabschneider oder welchen Mörder, der nicht offen bekennt, dass er mit Catilina sehr eng zusammengelebt hat?

Indefinitpronomen

Indefinitpronomina beziehen sich auf eine Einzelperson oder auf eine Gruppe. Wenn sie sich auf eine Einzelperson beziehen, sind sie entweder deshalb unbe­stimmt, weil der Sprecher die gemeinte Person nicht nennen will (Ein gewisser Schüler hat bei dieser Klassenarbeit eine schlechte Note geschrieben.) oder nicht nennen kann (Irgendein Schüler hat vor meinem Eintreffen die Tafel bekritzelt.). Auf eine Gruppe bezogen ist entweder „jeder“ oder „keiner“ in der Gruppe gemeint.

Wie im Deutschen wird auch im Lateinischen zwischen adjektivischem und substantivischem Gebrauch der Indefinitpronomina unterschieden:

adjektivisch
Quis enim umquam litteras ad se ab amico missas offensione aliqua interposita palam recitavit?
[Phil.2,7]
Wer hat denn jemals einen Brief, der ihm von seinem Freund geschickt wurde, öffentlich vorgelesen, nur weil irgendeine Kränkung zwischen sie getreten war?
substantivisch
Metuit Antonius, ne suorum aliquis a Cyda, Lysiade, Curio condemnetur?
[Phil.8,27]
Fürchtet Antonius, dass irgendeiner seiner Leute von Cydas, Lysiades oder Curius verurteilt wird?
 
Indefinitpronomen
  adjektivisch substantivisch
E i n z e l p e r s o n
  ein gewisser, ein jemand, etwas
  quidam, quaedam, quoddam quidam, quaedam, quiddam
  irgendein irgendjemand
In Sätzen mit bejahtem Sinn: aliqui, aliqua, aliquod aliquis, aliqua, aliquid
In Sätzen mit verneintem Sinn: ullus, ulla, ullum quisquam, quidquam
Nach einem Stützwort wie ne, si, nisi, num, quo, quando, ubi, cum: qui, quae/qua, quod quis, quae/qua, quid
G r u p p e
  jeder jeder
  unusquisque, unaquaeque, unumquodque unusquisque, unaquaeque, unumquidque
Nach Reflexiv-, Relativ- und Interrogativprono­men, Superlativ und Ordnungszahl als Stützwort: quisque, quaeque, quodque quisque, quaeque, quidque
  kein niemand, nichts
  nullus, nulla, nullum nemo, nullius, nemini,neminem, nullo (im Neutrum nur nihil)
Steigerndes und abschwächendes quidam

Wenn eine Form von quidam zwischen Adjektiv und Substantiv steht, verstärkt diese meistens die Adjektivbedeutung:

Natura inest in mentibus nostris insatiabilis quaedam cupiditas veri videndi.
[Tusc.1,44]
Von Natur aus liegt in unserem Geist eine ganz unersättliche Begierde, die Wahrheit zu erkennen.

Umgekehrt kann quidam aber auch einen kühnen bildhaften Ausdruck abschwächen:

Est ambulantibus ad hunc modum sermo ille nobis institutus et a tali quodam ductus exordio: ….
[Tusc.2,10]
Wir führten, während wir spazieren gingen, auf folgende Weise unser Gespräch und begannen ungefähr mit folgender Einleitung: …
Adjektivische Verwendung von nemo vor Personenbezeichnungen

Bei männlichen Personenbezeichnungen, Adjektiven und Zahlwörtern wird nemo, ähnlich wie quis und quisquam, adjektivisch verwendet:

Metellus, qua iniuria nemo umquam in aliquo magistratu improbissimus civis adfectus est, ea me consulem adfecit.
[fam.5,2,7]
Metellus hat mich als Konsul so beleidigt, wie der übelste Bürger in irgendeinem Amt niemals beleidigt worden ist.
Nescio quis

Fragepronomina nach nescio leiten meistens keinen abhängigen Fragesatz ein, sondern bilden mit nescio eine Einheit, die einem Interrogativpronomen oder -adverb gleich kommt. Dabei wird auch nescio quis wie quis, quisquam und nemo häufig adjektivisch verwendet. Bei Eigennamen hat nescio quis in der Regel eine abwertende Bedeutung.

Accedit Saxa nescio quis, quem nobis Caesar ex ultima Celtiberia tribunum plebis dedit.
[Phil.11,12]
Es kommt irgendein Saxa daher, den uns Caesar aus dem hintersten Keltiberien als Volkstribun beschert hat.
 
nescio quis/qui irgendjemand nescio quo modo irgendwie
nescio quid/quod irgendetwas nescio quando irgendwann
Weitere Indefinitpronomina

Als Indefinitpronomina treten auch die Zusammensetzungen quivis, quaevis, quodvis (jeder beliebige) und quilibet, quaelibet, quodlibet (jeder beliebige) auf.

Aufgabe: Pronomen unterscheiden
Benennen Sie die hervorgehobenen Pronomen.
Principes civitatum petiverunt, ut sibi concilium totius Galliae in diem certam indicere idque Caesaris facere voluntate liceret:

Personalpronomen

Demonstrativpronomen

Sese habere quasdam res, quas ex communi consensu ab eo petere vellent.

Indefinitpronomen

Relativpronomen

Ea re permissa diem concilio constituerunt et iure iurando, ne quis enuntiaret, nisi quibus communi consilio mandatum esset, inter se sanxerunt. [Gall.1,31,4-5]

Indefinitpronomen

Indefinitpronomen